THOMAS HUNZIKER

KURT UND DER SESSELLIFT (THAÏS ODERMATT)

SELECTION CINEMA

Eigenwillige Gestalten haben es ihr offensichtlich angetan. Nachdem die Innerschweizer Filmemacherin Thaïs Odermatt in Nid hei cho einen auf der Jagd tödlich verunglückten Wilderer vorstellte, steht im Dokumentarfilm Kurt und der Sessellift der ungewöhnliche Betreiber einer abgelegenen Bergbahn im Zentrum. Oberhalb von Niederrickenbach in Nidwalden betreibt Kurt Mathis die Sesselbahn Alpboden-Haldigrat. Vor zehn Jahren hat er sie vor dem Abbruch gerettet und zu seinem «Hobby» gemacht – «eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung». Seine Frau Antoinette, die heute nebenan das Panorama-Restaurant bewirtet, hat er zunächst gar nicht in seine Pläne eingeweiht. Mittlerweile kann sich der 1955 Geborene gar nicht mehr vorstellen, sein Leben anders zu verbringen und möchte auch noch mit 80 oder 90 Jahren den Sessellift betreiben – obschon die Arbeit manchmal ziemlich einsam ist. Doch anders können sich auch die Gäste ihren Kurt nicht vorstellen.

Regisseurin Thaïs Odermatt zeigt den Sessellift ausschliesslich im Winter. Selbst bei garstigem Wetter, wenn der zischende Wind den Schnee bereits horizontal durch das Bild treibt, wagen sich einige unerschrockene Free Rider auf den Berg. Für andere Skifahrer ist das Haldigrat nicht geeignet. Denn mehr als die Fahrt zur Bergstation kann Kurt nicht bieten. Präparierte Pisten gibt es keine in diesem Skigebiet und die freien Snowboarder und Skifahrer müssen auch aufpassen, dass sie nicht in das Wildschutzgebiet Steinalperwald geraten und eine saftige Busse bezahlen müssen. Das erklärt ihnen Kurt in seinem urchigen Dialekt und mit stoischer Gelassenheit. Und er erzählt auch aus seinem Leben, wie er etwa 1955 als uneheliches Kind auf die Welt kam oder von der einzigen Woche Ferien in den letzten 34 Jahren Ehe. Da waren er und seine Frau auf Rhodos, und er holte sich einen schrecklichen Sonnenbrand. Das braucht er nicht mehr.

Das Porträt von Kurt und seinem Sessel­lift lässt Regisseurin Thaïs Odermatt in erster Linie durch die Aussagen ihres Hauptdarstellers selbst entstehen, der sich zwischendurch mit seinen Kunden unterhält oder direkt für die Kamera erzählt. Dazwischen schneidet Odermatt Aufnahmen, die Kurt beim waghalsigen Unterhalt der verschneiten Anlage zeigen, oder sie beschleunigt das Geschehen gelegentlich durch Szenen im Zeitraffer. Da flitzen die Free Rider den frisch verschneiten Hang hinunter und bieten einen scharfen Kontrast zur gemütlichen Art des Sesselliftbetreibers. Dieser Kontrast wird teilweise auch durch die lüpfige und verspielte Musik des Quartetts Quantensprung verstärkt. Für den stimmungsvollen Dokumentarfilm erhielt Odermatt 2012 den Publikumspreis der Internationalen Kurzfilmtage Winterthur.

Thomas Hunziker
*1975, Studium der Filmwissenschaft, Anglistik und Geschichte an der Universität Zürich. Er arbeitet als Radiologiefachmann und betreibt das Filmtagebuch filmsprung.ch. Mit seiner Partnerin und zwei Kindern lebt er in Schaffhausen.
(Stand: 2021)
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