PIERRE LACHAT

FOURBI (ALAIN TANNER)

SELECTION CINEMA

Die Rückbesinnung Alain Tanners auf seine Ursprünge betrifft einerseits das Dokumentarische, wie sich in Les hommes du port zeigt. Anderseits erbringt der unversenkbare Genfer eine gleiche Leistung (bemerkenswerterweise fast zur gleichen Zeit) auch für den Spielfilm, indem er Fourbi dreht, seinen fraglos besten Spielfilm seit Dans la ville blanche von 1983. Trotz Anklängen handelt es sich bei Fourbi nicht etwa um ein Remake seines klassischen La Salamandre von 1971, wohl aber um eine Rückkehr zu den Fragen und Antworten von damals. Nur werden sie eben neu auf die heutige Situation bezogen.

Die Heldin, die wieder Rosemonde heißt, aber eben eine Rosamunde unserer Tage ist, findet sich in einer Lage, die sehr den neunziger Jahren entspricht. Für einen dubiosen Journalisten im Auftrag dubioser Hintermänner und einen dubiosen Fernsehsender soll die scheinbar unbekümmerte Serviererin in einem Genfer Lokal aus ihrem jungen Leben erzählen und dabei besonders auf einen dunklen Punkt eingehen. Da war die Rede von Vergewaltigungsversuch, Notwehr, Totschlag und ähnlichen Dingen; Genaueres erfahren wir über den ominösen Hergang nie. Derlei Dinge interessieren die zahlende Öffentlichkeit ja immer, je schmieriger, um so mehr.

Doch es geht weniger um jene alte Geschichte an sich als um die Reaktion der naivschlauen Protagonistin auf das hinterhältige Ansinnen der bedenkenlosen Unterhaltungsprofis und Quotenschinder, die natürlich gutes Geld zahlen und bereits einen Vorschuß geleistet haben. Geschichten werden je länger, je weniger erlebt und erzählt, sondern nur mehr auf dem Markt gehandelt. Seine Geschichte verkaufen heißt sich selbst verkaufen. Sich bezahlen lassen und nicht gehorchen, nicht mit der Ware herausrücken wollen ist das ultimative Verbrechen. Rosemonde ist im Begriff, es zu begehen.

Mit Fourbi - der Titel bedeutet soviel wie »Durcheinander« - kehrt Tanner ins heimatliche Genf zurück. So viel anders als vor 25 Jahren bietet es sich erstaunlicherweise gar nicht dar. Wie denn auch eines mit Sicherheit die Rosemonde zwei mit der Rosemonde eins verbindet: Sie sind beide Salamander(innen). Sie gehen beide, so will es der Volksmund, durchs Feuer, ohne Schaden zu nehmen.

Pierre Lachat
Zürich, ist Mitglied der „Filmtop“-Redaktion am Fernsehen DRS und freier Mitarbeiter der WochenZeitung und des Tages-Anzeigers.
(Stand: 2019)
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