PIERRE LACHAT

LES HOMMES DU PORT (ALAIN TANNER)

SELECTION CINEMA

Der erste Gelegenheitsjob, den der noch ganz junge, stromernde Alain Tanner annahm, war der eines Hilfsdockers im Hafen von Genua. Jahrzehnte später ist er jetzt dorthin zurückgekehrt, um nachzusehen, was aus den Verhältnissen von damals geworden ist. Gewiß, da hat sich vieles verändert: Die Rationalisierung, namentlich durch den Übergang zu Containertransporten, hat die Arbeitsplätze dezimiert. Die Klassenkämpfe sind verhallt, die Gewerkschaften geschwächt. Trotzdem ist von der traditionellen Kultur und Lebensweise der Docker, die den Akzent auf das Gemeinschaftliche legt, einiges übriggeblieben. Arbeit ist etwas, was man einander nicht zuschiebt, sondern abnimmt. Was deinem Kollegen geschieht, geschieht dir selbst. Durch sämtliche, scheinbar noch so tiefen Veränderungen hindurch sind Arbeiter Arbeiter. Wohl gibt es so etwas wie ein postindustrielles Zeitalter, in das wir nun hinüberstraucheln, und doch verharrt selbst die Industrie in ihrer Grundverfassung so, wie wir sie seit langem kennen.

Gibt es eine Melancholie, die Tanner besetzt, und übermannt ihn doch wieder der harte anarchistische Pessimismus, der seine ganze Person kennzeichnet, dann ist beides im engem Sinn des Wortes von mehr politischer Art. Denn unwiderruflich dahin scheint ihm der Widerstandswille der Proletarier, ihre Hoffnung, die gesellschaftlichen Lasten würden noch einmal wirklich gerechter verteilt. Mit einem Wort, es sieht aus, als wäre die Utopie ohne zwingenden Anlaß verabschiedet worden, wo sich doch die Verhältnisse aufs Ganze gesehen nur wenig verbessert haben. Die wachsende Unsicherheit der Arbeitsplätze, die Selbstzergliederung von Rechts- und Sozialstaat, die grassierende Bürokratisierung auf privatisierter Mafiabasis hat in den vergangenen paar Jahren eher wieder relative Rückschritte gebracht.

Mit Les hommes du port und seinem fast gleichzeitig herausgekommenen Fourbi setzt Tanner wieder bei seinen Anfängen an. Die schwache Periode von 1987 bis 1992 (mit zum Teil fragwürdigen Filmen wie Le journal de Lady M.) scheint endgültig überwunden. Mit dämpft das vielleicht auch einiges von jenem Pessimismus, der Tanner zeitweise behaupten ließ, auf die Dauer werde wohl jedes noch vertretbare Filmemachen unmöglich werden.

Pierre Lachat
Zürich, ist Mitglied der „Filmtop“-Redaktion am Fernsehen DRS und freier Mitarbeiter der WochenZeitung und des Tages-Anzeigers.
(Stand: 2019)
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