FREDI M. MURER

CYBERWORLD

ESSAY

Meine Damen und Herren,

die beliebtesten Redner seien diejenigen, die mit anderen Worten das sagen, was alle schon wissen. Dies sagte einst der kluge Hegel, und ich fürchte, mir bleibt heute nichts Klügeres übrig, als mich bei Ihnen beliebt zu machen. Vom praktischen Umgang mit den »neuen Medien« habe ich nämlich kaum eine Ahnung, und die »Cyberworld« kenne ich auch nur vom Hörensagen.

Mir selber ist also nicht ganz klar, was ich an diesem »Kongreß der Dritten Art« überhaupt zu suchen habe. Vielleicht den Anschluß an die verheißungsvolle Medienzukunft, um den rechtzeitigen Abschied von meiner ebenso verheißungsvollen Medienvergangenheit nicht zu verpassen. Andererseits sind Fehlbesetzungen in unserer Audiovisionsbranche an der Tagesordnung.

Was der Auftraggeber dieser Rede gesucht hat, ist mir schon klarer: einen typischen Repräsentanten der »Ersten Art«, der zur allgemeinen Erheiterung der hier anwesenden Medienpioniere noch einmal einen letzten Blick zurückwirft auf die perforierte Epoche der siebten Kunst. Diesem Auftrag versuche ich nun gerecht zu werden. Vor Ihnen steht also kein Multimedia- und Cyberspace-Ächter, sondern ein erzkonventioneller Filmemacher. Als solcher wäre ich möglicherweise ein Experte, und Experten sind bekanntlich Leute, die auf allen anderen Gebieten Laien sind. Und als solcher bin ich (im Sinne von Max Frisch) aufgefordert, mich in meine eigenen Angelegenheiten einzumischen. Immerhin haben wir gemeinsam, daß Sie wie ich beruflich Bilder und Töne verwenden.

Wie auch immer wir unsere Werke bezeichnen - als Kinofilme, als Videoproduktionen oder als multimediale Produkte: Ich bin grundsätzlich der Meinung, daß ein Medium (an sich) weder gut noch schlecht ist. Man muß es an sich selber messen, an seinem eigenen Anspruch, um die Qualität der Arbeit und des Produktes zu beurteilen. Ob diese Werke mit technisch modernsten Mitteln realisiert werden oder mit traditionellen, ist für mich nicht entscheidend. Beim Beurteilen interessiert mich zuerst immer das Wie und erst dann das Was. Es kommt vor, daß ich einen Film gut gemacht finde, ihn aber aus inhaltlichen Gründen ablehne; aber schlecht gemachte Filme mit gutem Inhalt finde ich immer schlecht.

Ich pflege zu sagen, daß Geld ein Stilmittel sei: Mit großem Budget entstehen andere Filme als mit kleinem, nicht unbedingt bessere oder schlechtere. Im Umgang mit den elektronischen oder meinetwegen neuen Medien kommt meiner Meinung nach etwas sehr Spezifisches hinzu. Ich nenne es mal: die kalkulierte Kurzlebigkeit. Dieser Zwang des Marktes versetzt die Anwender und Gestalter in den permanenten Streß, mit der neusten technologischen Entwicklung Schritt zu halten. Die AV-Avantgarde von heute schaufelt schon am nächsten Morgen den Schnee von gestern. Hier findet eine Art permanente Revolution statt, die sich gleich selber unterwandert. Nur Waschmittelfabrikanten strapazieren das Prädikat »neu« noch etwas penetranter als die Hard- und Software-Anbieter. Bei aller Zurückhaltung für das Neue ist mir jedoch nicht entgangen, daß ein neues Zeitalter angebrochen ist. Schon wieder eines, ist man geneigt zu sagen: Gerade haben wir doch das Strom- und Fernsehzeitalter hinter uns gebracht. Manche nennen das neue das digitale, andere das Informationszeitalter. Jedenfalls gilt das Internet als Symbol dafür, während der imaginäre Cyberspace auch die religiösen und mystischen Bedürfnisse der neuen Gesellschaft abzudecken scheint.

Ich gehe davon aus, daß auch die digitalisierte, vernetzte und virtuelle Welt dem Darwinschen Gesetz unterworfen sein wird: Entstehung der Arten durch Anpassung und Selektion. Oder salopp gesagt: Der Markt heiligt die Mittel. Man frißt den andern so lange, bis man selber gefressen wird. Wer im Mediendschungel überleben will, muß laufend seine Freßgewohnheiten ändern bzw. die neusten Menüs kaufen. Womit wir bei der Computersprache angelangt wären. Ich will mich aber als Laie nicht allzuweit aus dem Window lehnen und keine verbale Software feilhalten. Ja, dieses PC-Englisch hat es uns angetan. Keine andere Zeiterscheinung hat je unseren Schweizerdialekt so massiv erweitert wie die Computersprache. Dies ist für mich ein tröstlicher Hinweis darauf, daß unsere Sprache noch lebt und mit ihr die Phantasie.

Die Phantasie, meine Damen und Herren, ist unser vitalstes Kapital, und gleichzeitig der raumsparendste und unerschöpflichste Rohstoff auf unserem Planeten. Die Qualität der neuen Medien ist deshalb nur daran zu messen, ob diese die Phantasie beflügeln und erweitern oder einengen und eliminieren. Dies müßte eigentlich für alle Kreativen, Interaktiven, Surfer und Klicker das sine qua non bedeuten. Ich kann aus eigener Erfahrung nicht beurteilen, wie stimulierend oder vereinsamend sich die symbiotische Zweierbeziehung zwischen Mensch und Computer auf die Dauer auswirken kann. Es fällt mir nur auf, daß die einschlägige Marketingsprache mit den Begriffen rund um die menschliche Kreativität relativ inflationär umgeht.

Alle Systeme, die Phantasie verhindern oder gar verbieten (technische und politische), sind auf die Dauer nicht überlebensfähig. Eines der Merkmale, woran man sie erkennt, ist der Alleinanspruch. Das »tausendjährige Reich« dauerte zwölf Jahre. Verzeihen Sie diesen unstatthaften Vergleich, aber wenn ich in diesen Tagen die Wirtschaftsseiten lese, habe ich den Eindruck, es gehe den Giganten der Branche um mehr als nur um Marktanteile. Da lese ich: »Im Internet herrscht Krieg. Bill Gates hat einen schweren Stand, doch Microsoft wirft derzeit alle verfügbaren Kräfte in die Schlacht.« Und anderswo: »Das Internet wird die geistige Geographie total verändern.« Also geht es um Macht; wenigstens ist das nicht neu. Ich will damit keinen Weltuntergang herbeireden, aber dafür auf eine weitere Kinovernichtungsmethode aufmerksam machen. Die Rede ist von video on demand, einer soeben angekündigten Dienstleistung auf Internet. Sie weist übrigens frappante Parallelen zum Kondomautomaten in den öffentlichen Bedürfnisanstalten auf: Beide ermöglichen eine individuelle Wahl, bürgen für absolute Diskretion, verhindern jede physische Berührung mit andern und versprechen Schutz vor Ansteckung.

Ein Ende der Atomisierung der filmischen Bildkultur ist damit aber noch nicht in Sicht. Uber Internet oder »Autobahnen« wird demnächst die gesamte Filmgeschichte im Briefmarkenformat angeboten. (Wie man hört, kauft Microsoft zurzeit alle verfügbaren Rechte auf.) Und falls Sie Kunstfreund sind, können Sie sich ab sofort eine Reise nach Paris oder London ersparen. Gegen ein bescheidenes Entgelt können Sie in den Lagerbeständen des Louvre oder der Tate-Gallery herumstöbern und mit dem digitalen Zoom, an dessen Ende eine Lupe hängt, sich in malerische Details verlieren. Zwar riecht dieses noch nicht nach Öl und fühlt sich noch aalglatt an, aber wenn wahr ist, was die Cyberspace-Propagandisten sagen, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch unsere übrigen Sinnesorgane virtuell bedient werden können. Die Magie des Kinos bekommt zudem von anderer Seite Konkurrenz: vom Cyberspace. Die Eroberung der sinnlichen Welt sei heute eine Hauptfront der Cyberspace-Experimentatoren, sagt beispielsweise Hartmut Böhme. Heere von Anhängern arbeiteten fieberhaft daran, den Berührungsraum zu telematisieren. Deren Ziel sei, wo auch immer man sich auf dieser bakterienverseuchten Erde aufhalte, in lustvolle und selbstidentische Berührungen treten zu können. Sich zu jedem Augenblick an jedem Punkt der Welt virtuell einklinken zu können. Mit allen Sinnen in die schattenlose Welt aus nichts als Licht eintauchen. Ein bißchen wie Gott, ständig überall virtuell anwesend sein, wenn auch real abwesend: die Welt ihrem Elend überlassend. Dieses grandiose Selbstgefühl mache den Cyberspace für immer mehr Menschen heute so attraktiv.

Ich muß gestehen, daß dieses Bedürfnis nach stromgespiesener Weltflucht mir nicht ganz fremd ist. Nur steht für mich an der Stelle der virtuellen Welt das reale Kino. Ohne Lust auf Fiktion würde es für mich gar keinen Sinn machen, Filme zu realisieren. Ich denke, ich bin hier von lauter Leuten umgeben, die vom selben Virus befallen sind; kann mir allerdings nicht vorstellen, daß Sie als seriöse Film- und Videoproduzenten gezwungen sind, Ihre Projekte einem Viruskillerprogramm zu unterziehen. Vielleicht ist das der kleine Unterschied zwischen dem Auftragsfilm und meinem subventionierten Filmschaffen.

Ich gebe zu, das Kino ist in den letzten Jahren etwas altmodisch geworden. Nirgendwo sonst wird mit größerem technologischen Aufwand die Sehnsucht nach der guten alten Zeit so wirkungsvoll und monumental beschworen wie auf den großen Leinwänden. Sogar die Science-fiction-Filme sind meist nichts anderes als in die Zukunft projizierte Rückfälle ins barbarische Mittelalter. Und wenn nun auch in Europa (und hierzulande) die Filmförderer und Produzenten nur noch an die Erfolgsabhängigkeit glauben, muß wohl die Filmkunst wieder mal in den Untergrund gehen.

Vielleicht gehört die Zukunft nicht mehr dem Kino sondern den Monitoren, dem Internet und dem Cyberspace, kurz den neuen Medien bzw. Ihnen. Dennoch muß ich Sie auf einen bedenklichen Substanzverlust hinweisen: Ich spreche vom Format. Das Kino, sagt man, sei »bigger than life«. Meine Damen und Herren, dieser Satz ist wörtlich zu nehmen, aber nur dann, wenn auch die Projektionsfläche gemeint ist. Mit der Größe der Leinwand steht und fällt die emotionale, künstlerische und auch gesellschaftliche Wirkung eines Films und damit ebenso seine Qualität und Potenz. Aus kulturgeschichtlicher Sicht ist die Miniaturisierung der Kinoleinwand auf das Fernsehformat die fatalste Selbsttäuschung des Jahrhunderts; zugegebenermaßen auch die bequemste und in ihrer Wirkung mindestens so epochal wie jener legendäre Meteor, dessen Aufprall auf der Erde das Aussterben der Saurier zur Folge gehabt haben soll. Die elektronische Bildkultur macht aus Elefanten immer nur Mäuse, und trotzdem hocken Abend für Abend ganze Völker vor ihren gewölbten Gläsern und behaupten anderntags, sie hätten einen Kinofilm gesehen.

Dafür hat das Fernsehen das weltweit größte Publikum. Gleichzeitig nimmt die Zahl jener Männer, Frauen und Kinder zu, die mit der Maus in der Hand und dem interaktiven Finger am Klicker vor ihrem persönlichen Monitor ihr halbes Leben verbringen. Ich verkenne die ökologische Nützlichkeit dieser passiv verharrenden Sitzgesellschaft zwar nicht, denn in dieser Zeit »biken« sie nicht durch das Unterholz und schlagen keine Robben tot, oder zumindest nur mit dem optisch-digitalen Joystick. Auf sie trifft jedenfalls der makabre Slogan unserer Elektrowirtschaft sogar zu: »Strom ist das ganze Leben.«

Ich werde mich an das Informationszeitalter noch etwas gewöhnen müssen. Ich hoffe, eines Tages zu verstehen, weshalb stundenlanges Sitzen und Klicken so glücklich macht und was so stimulierend daran ist, über ungeheure Datenmengen zu verfügen, ohne selber etwas zu wissen. Ich möchte auch einmal erleben, wie lustvoll es ist, ein Bad zu nehmen, ohne dabei naß zu werden.

Die Rede wurde auf Einladung des Schweizerischen Verbands der Auftragsfilmer an der i. Schweizer Kongreß-Messe für Multimedia und interaktive Medien (6.-9. Juni 1996) in Bern gehalten.

Fredi M. Murer
ist Filmemacher in Zürich. Autor u.a. von Höhenfeuer. Arbeitet derzeit an einem Spielfilm, der zweimal die gleiche Geschichte aus jeweils anderer Sicht erzählt.
(Stand: 2019)
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