JÖRG HUBER

JEAN SEBERG, AMERICAN ACTRESS (DONATELLO DUBINI, FOSCO DUBINI)

SELECTION CINEMA

1956 wählte die Hollywoodgröße Otto Preminger das 17jährige Mädchen aus der amerikanischen Provinz für die Rolle der heiligen Johanna aus und empfahl ihr, die Haare kurz zu schneiden. A star was born, doch der Film wurde ein Flop. Der nächste Versuch des Duos mit Bonjour tristesse ebenfalls, und Preminger ließ seine „Investition“ fallen. Das private und berufliche Leben Jean Sebergs verlief von da an als Wechselbad von Höhen und Tiefen. Während ihr Look in Godards A bout de souffle (1959) stilbildend für eine ganze Generation wurde, sind fast alle ihrer anderen über dreißig Engagements als Schauspielerin sowie ihre zaghaften Versuche als Drehbuchautorin und Regisseurin heute vergessen. Viermal verheiratet, in - wie die Boulevardpresse vermerkte - zahlreichen anderen Beziehungen sich exponierend, als Sympathisantin politisch engagierter Kreise und im speziellen der Black Panthers bekannt, vom FBI registriert, verfolgt und in den Medien diffamiert (was u.a. die Frühgeburt ihrer Tochter Nina und deren Tod zur Folge hatte) und die bis heute nicht geklärten Umstände ihres Todes (Selbstmord?) in Paris im Jahre 1979 sind einige der Koordinaten einer Existenz, die die Filmemacher Donatello und Fosco Dubini zu einer biographischen Rekonstruktion animierten.

Die Dubinis konzentrieren sich in ihrer Arbeit auf den persönlichen Kontext der Porträtierten, indem sie nicht die Glamourwelt einbringen und nicht die Stars, sondern Menschen aus dem privaten Alltagszusammenhang zu Worte kommen lassen. Beiseite gelassen werden auch Zitate der großen filmischen Auftritte - der wenigen kultischen Momente um mit diesen nicht die Person zu verstellen. Und es sind die unspektakulären Orte - oder die Orte als unspektakuläre gezeigt - und die eigene Spurensuche, die die Dubinis ins Bild bringen. Diese Nüchternheit soll den Versuch zur Diskretion betonen, dem sich die Autoren in ihrer Annäherung zu verpflichten beanspruchten, den Versuch denn auch, Jean Seberg als Person hinter dem Bildstatus der Frau und den Mythen zu entdecken. Mit ihrem Film wollen die Dubinis nicht die wiederholte Ausbeutung der Jean Seberg durch die Männer, die Behörden und den Bewachungsapparat sowie die Film- und Medienindustrie fortsetzen. Gerade in der Fiktionalisierung der weiblichen Person als Bild und Idol, als Produkt von Männerphantasien, wie sie Seberg erfahren mußte, zeigt sich jedoch Exemplarisches des Film- und Kulturbetriebs und einer ganzen Ära, das auch heute in verschiedener Hinsicht seine Bedeutung nicht verloren hat. Diesen Zusammenhängen nachzugehen, hat sich der New Yorker Mark Rappaport in seinem ebenfalls 1995 fertiggestellten Film From the Journals of Jean Seberg vorgenommen. Und es gelang ihm, ohne die Mythenbildung und Ausbeutung weiterzuführen - doch dies ist ein anderer Film.

Die Arbeit der Regisseure konzentriert sich denn auch als Abfolge von Fahrten durch Orte (Geburtsort Marshalltown), Straßen und Innenräume (Sebergs Wohnung in Paris) sowie von Interviews mit Bekannten und Zeitzeugen, von Fotodokumenten und den FBI-Akten auf Sachlichkeit und biographische Genauigkeit. Der Chronologie verpflichtet, entsteht eine in den großen Zügen lineare (Nach-)Erzählung, die in ihrer dramaturgischen Konzeption und in der filmischen Realisation aber uninspiriert wirkt. In dieser Hinsicht hätte man von ihrem Seberg-Porträt mehr Innovation erwartet, zumal die Dubinis sich mit Filmen wie Das Verschwinden des Ettore Majorana (1986), Klaus Fuchs - Atomspion (1989) und J. K. - Erfahrungen im Umgang mit dem eigenen Ich (1991) im Genre der dokumentarisch-biographischen Rekonstruktionen ausgewiesen haben und sie in dem intentional ähnlich angelegten Spielfilm Ludwig 1881 dramaturgisch, formal und stilistisch Möglichkeiten eröffnet haben, die im vorliegenden Fall durchaus auch hätten weitergeführt werden können. Vielleicht wäre es so, die Erzählweise reflektierend, möglich gewesen, die Biographie Sebergs anschaulicher zur Beobachtung zu bringen als das, was sie war: ein kompliziertes, verknotetes Geflecht von Selbst- und Fremdprojektionen, von Eigensinn und Abhängigkeit, von Intimität der Person und Terror der Öffentlichkeit.

Jörg Huber
1948, Kulturjournalist und -publizist (Film, Fotografie, Architektur, bildende Kunst), Mitherausgeber von CINEMA, Dozent an der Kunstgewerbeschule Zürich, lebt und arbeitet in Zürich.
(Stand: 2019)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]