JEAN PERRET

CORPS ET AMES (AUDE VERMEIL)

SELECTION CINEMA

Die erste Sequenz ist ein in langen Einstellungen gefilmter monologischer Dialog auf einem Bett, wo Clara und Lou, etwa dreißigjährig und wenig bekleidet, deutlich und ohne Umschweife über ihre Sexualität sprechen. JedeR spricht für sich, antwortet dem/der anderen kaum, aber läßt reden und hört zu. Andere Paar- und Gruppenszenen folgen, das Gespräch entwickelt, baut sich auf. Denn das ist das Anliegen dieses ersten langen Films der Genfer Filmemacherin: Worte, die sich loslösen, die den Körper verlassen, und Artikulationen zwischen Sexualität, Sinnlichkeit, die den Alltag sozialer Beziehungen nachzeichnen. Was Vermeil interessiert, ist weniger die Körpersprache (keine orgastischen Beischlafszenen also, die die Vorstellungskraft blockieren würden) als vielmehr Erinnerung an Enttäuschungen und Verlangen. Die Wörter, die sie wie eine Ethnologin bei zahlreichen Personen gesammelt hat, sind von dort vernehmbar, wo Filmemacherinnen normalerweise nichts mehr hören: vor oder nach dem Geschlechtsverkehr, wenn die Körper nicht mehr gegenseitig durch zu viel Nähe geblendet sind. Corps et Arnes ist ein Film, wo „es“ spricht. Ohne Unterbruch, manchmal angemessen, manchmal ungeschickt, manchmal für den Film (für seine rhythmische Kohärenz und seinen ganzen Aufbau), manchmal außerhalb von ihm.

Die Grenzen des Films liegen genau zwischen dem dringenden Bedürfnis nach echtem, wahrem (und „frischem“, wie Raymond Depardon es nennt) Sprechen und dem Abgleiten in theatralischen Naturalismus. Von Interesse ist der Film, der die logische Fortsetzung von Je vais et je viens (1989) ist, aber durch sein erneut bekräftigtes Vertrauen ins Filmemachen, in dessen grundsätzliche Möglichkeit, mit der Realität Beziehungen von Vermischung und Nähe einzugehen, und seien sie fiktionaler Art. Um diese realen Momente möglichst greifbar und sichtbar zu machen, riskiert Aude Vermeil lange Einstellungen und die Arbeit mit nicht- professionellen Schauspielerinnen. Diese vermögen das konsequente Konzept des Films mit seinen Risiken und den (oft glücklichen) Zwischenfällen der magischen, schwebenden Zeit jeder Einstellung zu konfrontieren.

Das Kino, das hier gezeigt wird, kommt aus seiner Kiste, aus der Vermeil verschiedenste Werkzeuge hervorholt, um das zu gestalten, was eine neue Sensibilität der Filmemacher- Innen genannt werden könnte. Es ist das Bedürfnis, sich in größtmöglicher Nähe zum Körper auszudrücken und Bilder zu erfinden, die ihre Seele nicht betrügen. Erstaunlicherweise hält dieser sehr persönliche Film, der die Dinge beim Namen nennt, den/die Zuschauerin auf Distanz, um ihn/sie um so mehr in das Spiel der Wörter miteinzubeziehen, Wörter, die niemals die Begierden der Geschlechter in Unruhe noch die Enttäuschungen der Sinne auf der Suche nach Aussöhnung erschöpfend benennen werden.

Jean Perret
unterrichtet Geschichte und Filmkunde an einer Genfer Mittelschule und ist Mitarbeiter des Zweiten Programms des Westschweizer Radios.
(Stand: 2019)
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