MARIANNE SAUTER

DER TRAUM VOM GROßEN BLAUEN WASSER (KARL SAURER)

SELECTION CINEMA

Im April 1937 wurde der Etzelstaudamm bei Einsiedeln in Betrieb genommen. Die aufgestaute Sihl legte 107 Bauernhöfe unter Wasser und vertrieb Plünderte von Menschen von ihrem Fand. Karl Saurer, selbst am Sihlsee aufgewachsen, hat sich für seinen Film auf die Suche nach den Vertriebenen gemacht. In zahlreichen Sequenzen läßt er sie zu Wort kommen und über die für sie einschneidenden Folgen dieses Stausees erzählen. Fr informiert aber auch über die Vorteile des Etzelprojekts, das in dieser agrarisch geprägten Voralpenregion dringend benötigte Arbeitsplätze schaffte und Hoffnungen auf eine bessere Zukunft weckte.

Um diese Berichte der Betroffenen herum wird nach und nach die Geschichte des Sihl- Hochtals aufgerollt. Bei denjenigen Bewohnern beginnend, die in den Notzeiten des letzten Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert sind, werden die bis ins 20. Jahrhundert unverändert harten Lebensbedingungen der Bauern und Torfstecher dieses Tals aufgezeigt und Eindrücke von der inzwischen überfluteten Hochmoorlandschaft vermittelt. Als mächtiger Einschnitt in der geschichtlichen Kontinuität präsentiert sich das Etzelprojekt, dem der Film von seiner Planung bis zur Realisierung nachgeht, wobei das Augenmerk auf die um dieses Projekt geführten politischen Auseinandersetzungen gerichtet ist sowie auf den Unmut vieler Einheimischer über eine Demokratie, in der, wie es ein Bauer beschreibt, eine nichtbetroffene Mehrheit über eine betroffene Minderheit bestimmt. Ein Unmut, der sich - und damit wird der geschichtliche Bogen bis in die Gegenwart gespannt - Ende der achtziger Jahre in einer Bürgerinitiative Luft machte, welche sich gegen den „Alpenkolonialismus“ wendete, das heißt gegen den Umstand, daß Einsiedeln vom Profit aus den eigenen Ressourcen, dem Sihlsee, lediglich ein Prozent erhält.

Saurer beleuchtet den Gegenstand seines Films von allen Seiten. Diese Vielschichtigkeit ist eindeutig eine der Stärken des Films, aber leider auch zugleich dessen Schwäche, da sie mit sich bringt, daß gewisse Bereiche nur gestreift werden können, was gerade bei solch gewichtigen Themen wie dem Arbeiterstreik beim Staudammbau oder den Auswirkungen des Tourismus etwas unbefriedigend ist.

Heterogenität besteht nicht nur im thematischen, sondern auch im Bildbereich: So wechseln neue mit alten Aufnahmen ab, erscheinen Landschaftsaufnahmen in Farbe neben historischen Schwarzweißfotos und Stummfilmausschnitten von der heute vom Sihlsee bedeckten Gegend und vom Dammbau, sind sowohl Kohlezeichnungen als auch Computergrafiken zu sehen. Nicht selten werden diese Bilder gleich von den Betroffenen selbst kommentiert, was gerade dem historischen Material eine einzigartige Lebendigkeit verleiht. Auf den Einsatz eines Kommentators wird weitgehend verzichtet; statt dessen kommen Gedichte, Szenen aus einem Dorftheater oder Volkssagen zum Zug. Die Beurteilung des Gesehenen wird so dem Publikum weitgehend selbst überlassen.

Marianne Sauter
geb. 1968, in Wetzikon, studiert Germanistik, Nordistik und Filmwissenschaft in Zürich.
(Stand: 2019)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]