PIERRE LACHAT

GROSSESSE NERVEUSE (DENIS RABAGLIA)

SELECTION CINEMA

Scheinschwangerschaften als eine der ausgeprägtesten Formen der Hysterie werden ausschließlich Frauen zugeschrieben, was von den biologischen Gegebenheiten her auch plausibel scheint. Im mehr mythischen als psychosomatischen Bereich hält sich andererseits beharrlich die Vorstellung vom schwangeren Mann. Endlich Leib- statt Kopfgeburten - dieser Wunsch liegt der nicht totzukriegenden Phantasie wohl zugrunde. Pathoiogisiert man sie, erwächst daraus der sanft lächerliche Mythos vom scheinschwangeren Mann. Und warum auch nicht? Hysterie kann durchaus beide Geschlechter im gleichen Maß betreffen.

Der Held von Grossesse nerveuse, gespielt vom agilen, ironischen Tom Novembre, gerät unter summierte Belastungen, die ihn zuletzt glauben machen, er „kriege ein Kind“. Braucht man noch eigens zu erwähnen, daß ihn Arger mit Frauen so weit bringt? Doch wird der Protagonist nicht etwa (nach gewohntem Muster) durch die vereinten Einwirkungen von Ex-Gattin und Gelegenheitsgeliebten schier um den Verstand gebracht. Sondern ihm wächst jene Neurose, die Nachwuchs suggeriert, wo keiner ist - und die scheinbar reine Frauensache wäre —, ins hoffnungslos überforderte männliche Fleisch.

Seine Verflossene hat er nämlich nie schwängern wollen, seine Kurzzeit-Freundin schwängert er versehentlich. Hinter den weiblichen Erwartungen bleibt er so gleich zweimal - und sozusagen übers Kreuz - zurück. Was er auf der einen Seite hätte erbringen sollen, gerade das müßte er auf der anderen verhindern. Der unauflösbare Widerspruch bringt ihn auf die geniale, die hysterische Lösung: Wäre es nicht einfacher, gleich selbst einen Balg in die Welt zu setzen? Das könnte doch beide Frauen zufriedenstellen, die Mutterschaftsversessene ebenso wie die Mutterschaftsverächterin.

Auf die gute Filmform hat Denis Rabaglia eher am Rande geachtet. Bei einer nicht eben ausschweifend kostspieligen Produktion überrascht das kaum. Zuvorderst besticht die überdrehte Groteske durch die strikte Logik des Irrsinns. Je absurder sich die Figuren gehaben - und je mehr die Schauspieler schmieren -, um so glaubwürdiger wirkt das Ganze. Komödiantische „tours de force“ zählen keineswegs zu den Stärken des oft so betulichen helvetischen Filmschaffens. Besonders dann nicht, wenn sie sich wie diese souverän und provokant über alle Tabus politischer Korrektheit (nicht nur der feministischen) hinwegsetzen.

Pierre Lachat
Zürich, ist Mitglied der „Filmtop“-Redaktion am Fernsehen DRS und freier Mitarbeiter der WochenZeitung und des Tages-Anzeigers.
(Stand: 2019)
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