PIERRE LACHAT

AM ENDE DER SCHIENEN (MARIANNA KISS, ANDREAS HONEGGER)

SELECTION CINEMA

Überwiegend mit dokumentarischen Mitteln, da und dort aber auch mit geschickt eingefügten szenischen Teilen, wird vom Leipziger Hauptbahnhof damals und heute erzählt. Da wäre mehr als genug Material für eine breite Sammlung von Impressionen und Anekdoten. Doch statt zu einer solchen wächst sich der Film zur melancholischen zeitgeschichtlichen Studie aus, zu einer Elegie auf die Vergeblichkeit menschlichen Bemühens, auf die Ziellosigkeit der Geschichte und die ewige Wiederkehr des Gleichen. Der Bahnhof von Leipzig (eine bauchige, düstere Angelegenheit) hat seinen Dienst unter jedem Regime versehen. Versagt haben die vorübergezogenen Epochen, egal ob kaiserlich, parlamentarisch, nationalsozialistisch oder kommunistisch. Und für die Periode seit der Wiedervereinigung bieten sich kaum bessere Aussichten an. Bahnhöfe werden vielleicht sowieso überflüssig.

Sich am Ende der Schienen zu befinden wird in jeder der aufeinanderfolgenden Zeiten für die Menschen, die im Bahnhof arbeiten, ja leben, zu einer Art von gewohntem Dauerzustand. Jahrzehntelang mußten und müssen Räder rollen für den Sieg oder den Sozialismus oder die Freiheit oder ein anderes proklamiertes Ziel. Nur wirklich vorwärts bewegt sieh so gut wie nichts, rückwärts ebensowenig. Am Ende der Schienen trifft sehr genau die von Stillstand, Ratlosigkeit und Erschöpfung geprägte Atmosphäre Mitte der Neunziger: Wie weiter, wo’s so nicht weitergeht?

Pierre Lachat
Zürich, ist Mitglied der „Filmtop“-Redaktion am Fernsehen DRS und freier Mitarbeiter der WochenZeitung und des Tages-Anzeigers.
(Stand: 2019)
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