DORIS SENN

TRANSIT URI (DIETER GRÄNICHER)

SELECTION CINEMA

„Und es ward eine Zeit, / da ward Wasser und Stein in dem Tal, / und das Gewölk hing tief in den Felsen. / Und wer dort lebte, / ward ein Teil dieses Ganzen.“ Mythische Erzählweisheit leitet den Film ein und ist ihm Programm: Eine Adaptation der Sage um die Urner Teufelsbrücke führt durch Transit Uri, in dem die zerbrochene Einheit Mensch-Natur am Beispiel des vom Alpentransitverkehr geprägten Innerschweizer Kantons Thema ist. Der Fortschritt - hier in seinem Aspekt der uneingeschränkten Mobilität - fordert einmal mehr seinen Tribut: Menschen müssen sich menschengemachten Sachzwängen unterwerfen.

Gegensatzpaare dominieren den Film: die Idylle unberührter Berghöhen und das hektische Treiben im Tal; das Glücksgefühl, das die Fahrt im Automobil zu seinen Pionierzeiten noch aus löste, und das heute vorherrschende, unmotivierte I lasten von hier nach da. Und schließlich: (übergangenes) Minderheiten- versus Mehrheitenrecht, illustriert an der Abstimmung über die Neat-Alpentransversale (1992), wo das Interesse der betroffenen Talbewohnerinnen demjenigen der Durchreisenden und der Praxis des internationalen Güteraustauschs entgegensteht. Dies in einem Mosaik aus atmosphärischen Landschaftsbildern, Stellungnahmen von Urnerinnen, Amateurfilmausschnitten der dreißiger Jahre als Dokumente einer Zeit noch ungetrübten Fortschrittsglaubens und Sequenzen geräuschvoll und monoton (vorbei)fahrender Eisenbahnzüge und Lastwagen, Motorräder und Autos, die penetrant den Redefluß der Befragten immer wieder unterbrechen oder ihre Aussagen „illustrieren“.

Die verschiedenen Bild- und Erzähl- ebenen werden durch Reflexionen zu Sinn und Unsinn der Mobilität zusammengehalten. Am Rande auch die Faszination des Phänomens würdigend, überwiegen letztlich die negativen Aspekte, und Zukunftspessimismus macht sich breit. So klingen in den Äußerungen der Betroffenen geradezu apokalyptische Töne an: die Naturgewalten (Lebensbedrohung früher) werden heute - paradoxerweise zur Wiederherstellung der Lebensqualität - beinahe wieder herbeigesehnt. Sie scheinen als einzige dem „mobilen Wahn“ noch Einhalt gebieten zu können.

Gränicher mag zwar vereinzelt der Problematik neue Seiten abgewinnen, letztlich aber dominieren in Transit Uri trotz der Vielfalt des Bildmaterials und der berücksichtigten Standpunkte altbekannte Polarisierungen und als Grundstimmung ein fragwürdig mythischer Endzeit-Fatalismus.

Doris Senn
geb. 1957, Romanistin, arbeitet über Volksliteratur, lebt in Zürich.
(Stand: 2019)
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