DORIS SENN

DIE BETTKÖNIGIN (GABRIELLE BAUR)

SELECTION CINEMA

Der Spielfilmerstling von Gabrielle Baur thematisiert die Verweigerung von Amalia (Imogen Kogge) ihren Hausfrauen-, Mutter- und Lohnarbeitspflichten gegenüber. Der einleitende Querschnitt durch den grauen Familien- und Putzfrauenalltag rechtfertigt ohne Worte ihren Entschluß, das Bett eines Morgens bis auf weiteres nicht mehr zu verlassen. Der zu Beginn rücksichtsvolle Ehemann (Bruno Cathomas) ist zunehmend von seinen neuen familiären Pflichten überfordert und versucht vergeblich, seine Frau erst durch Liebes-, Nahrungs- und TV-Entzug sowie schließlich mit Gewalt aus dem Bett zu holen. Dank ihren Freundinnen, die sic weder verhungern noch vereinsamen lassen, und dank ihren Tagträumen von sich als verführerischer Frau, die von schönen Männern umschwärmt und verwöhnt wird, hält sich Amalia über Wasser. Zum Kuriosum geworden, wird sie nun aber als Objekt kommerzieller Vermarktung wieder interessant. Aufgefordert, ihre Stimmqualitäten — Ausdruck ihrer neugewonnenen Freiheit - vor laufender Kamera plus Fernsehteam und Schaulustigen vorzuführen, verweigert sie sieh jedoch abermals und schläft kurzerhand ein.

Mit sparsamst eingesetzten Dialogen und viel Liebe zum skurrilen Detail ist der Regisseurin eine stimmige Groteske auf die Möglichkeit lustvollen Ausscherens aus der Mehrfachbelastung vieler Frauen gelungen.

Doris Senn
geb. 1957, Romanistin, arbeitet über Volksliteratur, lebt in Zürich.
(Stand: 2019)
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