JEAN PERRET

REGARDE-MOI (ELISABETH AUBERT)

SELECTION CINEMA

Sie ist groß und selbstbewußt, geduldig und aufmerksam, und sie überzeugt eine junge Frau, die in einem Pariser Café arbeitet, ihr zu folgen. Die beiden Frauen gehen in ein kleines Absteige-Hotel. Einen Moment lang ist man versucht, einer falschen Fährte zu folgen (Werden sie sich lieben? Sind sie Geliebte?), bis sich die Situation unversehens klärt. Die ältere Frau möchte von der jüngeren Fotoaufnahmen machen. Unverzüglich nimmt das Ritual seinen Beginn. Das Modell muß vor der vergilbten Tapete posieren. Die Photographin beginnt. Eine gewisse Befangenheit tritt ein, als die junge Frau aufgefordert wird, ihre Schultern zu entblößen. Jetzt könnte die Violenz jeder Aktaufnahme eintreten, für die das Modell gezwungen wird, sich jenseits seiner Scham der Linse auszuhefern. Doch nun die plötzliche Wende: das Kräfteverhältnis kehrt sich um. Die junge Frau gibt ihren Blick und ihren Körper der Kamera hin, ohne von dieser in Besitz genommen zu werden. Sie entscheidet nun selbst, ihren Oberkörper, ihre Brüste zu entkleiden, und vor allem vermag sie dem Blick, der auf ihr ruht, standzuhalten. Das Modell beobachtet die Photographin und dreht das Ritual zu ihren Gunsten. Das Unbehagen ist nun auf seiten der Photographin, die durch den mächtigeren Blick des Gegenübers entwaffnet wird. ln wenigen Minuten ohne Längen oder Erklärungen, in stimmiger Umgebung und mit Schauspielerinnen von großer Präsenz erzählt Aubert diese metaphorische Geschichte, die sie selbst in höchstem Maße betrifft. Wer anschauen will, kann selbst angeschaut werden; dem latenten Voyeurismus jeder Bildaufnahme kann ein manifester Voyeurismus erwidert werden. Gar keine schlechte Idee von Aubert, sich gleich im äußerst gelungenen Erstling dieser elementaren Situation des Filmemachens anzunehmen.

Jean Perret
unterrichtet Geschichte und Filmkunde an einer Genfer Mittelschule und ist Mitarbeiter des Zweiten Programms des Westschweizer Radios.
(Stand: 2019)
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