DORIS SENN

KEBAB & ROSOLI (KARL SAURER, ELENA M. FISCHLI)

SELECTION CINEMA

„Ein Film mit Heimischen und Geflüchteten“ nennen Karl Saurer und Elena M. Fischli ihre Annäherung an kurdische und tamilische Asylbewerber und Asylbewerberinnen in der Innerschweiz. Die Aufnahmen zeigen diese bei der Arbeit, beim Deutschlernen, im Freundeskreis und vereinzelt mit Familienangehörigen. Freimütig sprechen sie über ihre gegenwärtige Situation, geprägt durch banges Warten auf den Entscheid der Antragsstelle. Schweizer Betreuende erzählen aus ihrer Sicht, ein Personalchef referiert über die nach Konjunkturlage schwankende Anpassungsbereitschaft seiner ausländischen Arbeitskräfte.

Im Vordergrund steht jedoch das Erleben der Fremden, ihre Erfahrungen im Exil. Die Befragten geben Einblick in ihr Schicksal, das für die meisten auseinandergerissene Familien, verlorene Freunde, gescheiterte Zukunftspläne und sozialen Abstieg bedeutet. Saurer und Fischli wollen Verständnis schaffen für Geflüchtete, für ihr Dilemma zwischen Sehnsucht nach angestammter Heimat und Familie und dem Wunsch nach Integration im Aufnahmeland, der Hoffnung auf eine neue Existenz fern von politischer Verfolgung.

Die Verknüpfung kulinarischer Welten im Titel - das türkische „Nationalgericht“ Kebab und der Einsiedler Likör Rosoli - steht dafür, das Nebeneinander/Gegeneinander verschiedener Kulturen in ein Miteinander zu verwandeln. Eine vorsichtige Annäherung zwischen Einheimischen und Fremden zeichnet sich bei Festen und Kaffeekränzchen ab. Wie dünn die Fäden sind, die da gesponnen werden, zeigen aber letztlich die Bescheide von „oben“, die ungeachtet des Entstandenen die Gesuche der Geflüchteten auch nach mehrjährigem Aufenthalt ablehnen.

Kebab & Rosoli ist eine einfühlsame Dokumentation der Probleme und Gefühle, die Fremde bei uns beschäftigen und bewegen, und ein Plädoyer für eine mögliche Völkerverständigung im Kleinen.

Doris Senn
geb. 1957, Romanistin, arbeitet über Volksliteratur, lebt in Zürich.
(Stand: 2019)
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