DORIS SENN

"ZÄRTLICHE ERPRESSERIN (BEAT LOTTAZ)

SELECTION CINEMA

Unter den persönlichen Sachen ihrer tödlich verunfallten Mutter findet Alice ein Bündel ungeöffneter Briefe, die sie dazu bringen, sich auf die Suche nach ihrem bis anhin totgeglaubten Vater zu machen. Als sie auf Umwegen den gesuchten Max Rab (August Zirner) endlich findet, zieht sie kurzerhand bei ihm ein, „bis meine Mutter wieder aus den Ferien zurück ist“, und versucht in der Folge, ihn mit allen fraulichen Mitteln sowohl aus der väterlichen als auch männlichen Reserve zu locken.

Alice (sehr überzeugend gespielt von Anna Thalbach) bewegt sich dabei in der ambivalenten Rolle der Tochter, die den bisher unbekannten Vater gefunden zu haben glaubt, und der jungen Frau, die ihre weibliche Anziehungskraft erprobt. Sie bringt Bewegung in sein Junggesellendasein, indem sie seine vier Freundinnen gleichzeitig einlädt - mit der ebenfalls ambivalenten Absicht, einerseits den „Vater“ Mores zu lehren, andererseits die „Nebenbuhlerinnen“ auszuschalten. Völlig aus der Fassung bringt sie ihn, als sie ihm auch noch sein erspartes Geld aus dem Safe nimmt („für nichtgezahlte Alimente“) und es ohne sein Wissen in den Plüschlöwen ihrer seit einem Unfall behinderten und in einem Heim lebenden Schwester Pati (hervorragend gespielt von Isabelle Menke) steckt.

Als Folge der 68er und der propagierten freien Liebe stellt sich heraus, daß Alice „drei mögliche Väter“ hat. Als Max sein Geld zurückhaben will, bringt sie ihn zu Pati, als deren wirklicher Vater er sich schließlich herausstellt und um die er sich nun auch kümmert. Alice hingegen muß die desillusionierende Entdeckung machen, daß ihr leiblicher Vater als Penner in einer U-Bahn-Unterführung lebt.

Zu Beginn des Films überstürzen sich die Dinge leider etwas. Ist die Handlung aber einmal ins Rollen gebracht, inszeniert sie Beat

Lottaz auf durchaus überzeugende, witzigunterhaltsame und trotzdem einfühlsam-anrührende Art. Den Schluß der Geschichte hätte man sich vielleicht etwas weniger melodramatisch vorstellen können. Immerhin entkommt Lottaz dabei falscher Romantik: Auf sich zurückgeworfen, muß Alice nun ihr Leben definitiv in die eigenen Hände nehmen.

Doris Senn
geb. 1957, Romanistin, arbeitet über Volksliteratur, lebt in Zürich.
(Stand: 2019)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]