JÖRG HUBER

HYÈNES (DJIBRIL DIOP MAMBETY)

SELECTION CINEMA

Güllen liegt jetzt nicht „irgendwo in Mitteleuropa“, wie Dürrenmatt zu seinem Stück „Der Besuch der alten Dame“ angemerkt hat, sondern in der staubigen Einöde des Sahel und heißt Colobane. Claire Zachanassian tritt auf als schwarze ehemalige Hure namens Linguère Ramatou. Dramaan Drameh, der Händler im Dorf, ist 111. Damit ist die Disposition des Films gegeben, und die Geschichte läuft, wie bei der Dürrenmattschen Vorlage, linear ab bis zu ihrem Ende: Ramatou übt Rache und findet Genugtuung, Drameh wird von der Dorfbevölkerung wie von Hyänen „verschlungen“, und die Bevölkerung selbst badet im Luxus. Zu dieser Verfilmung von Der Besuch der alten Dame ließ sich der in Senegal als Theaterschauspieler ausgebildete Mambety nach eigenen Worten durch eine real existierende Edelhure inspirieren, die denselben Namen wie ihre Filmkopie trug und der Mambety vor längerer Zeit im Hafenviertel von Dakar begegnet war. Einen weiteren prägenden Eindruck hinterließ Ingrid Bergman mit ihrer Zachanassian-Darstellung in Bernhard Wickis The Visit. Was Mambety nun seinerseits aus dem Dürrenmatt-Stück gemacht hat, ist eine Geschichte, die von den (zum Teil Laien-)SchauspielerInnen mit großer Spielfreude und mit Witz vorgetragen wird. Bunte Kostüme, laute Stimmen, expressive Gesten, dunkle ausdrucksstarke Gesichter, eine musikalische Grundierung mit heißen Rhythmen: das Ganze kann hierzulande einzig durch den Reiz des Exotischen, die äußerliche Transformation in den Sahel faszinieren. Stellte man sich die auftretenden Figuren nicht schwarz, sondern weiß vor und dieselbe Inszenierung in mitteleuropäischem Rahmen, wähnte man sich in der Aufführung einer Laiendorfbühne und wäre wohl verstimmt. Ein Grund für diese Abflachung liegt darin, daß Mambety das Absurde und Groteske, das die Vorlage prägt, nicht in die filmische Erzählung zu übersetzen vermag. Diese verkommt zur Posse. Entsprechend wird das Abgründige, das im Grotesken enthalten ist, als Moralisches gefaßt: Mambety interpretiert die Geschichte als moralisierende Parabel, die er nicht zuletzt im Kontext des Gefälles zwischen Erster und Dritter Welt situiert. Ramatou ist „reicher als die Weltbank“, der Reichtum fließt in Form von Konsumgütern der Industrienationen ins Dorf, und am Ende des Films wird als moralische Konsequenz ein Ausblick gewagt: zu sehen sind Bulldozer, die die zukünftigen Autobahnen vorbereiten, landende Flugzeuge und die Silhouette der Großstadt Dakar.

An einer Stelle im Film gelingt Mambety eine irritierende Situation. Auf dem Altar der Dorfkapelle steht ein Fernsehgerät; über den Bildschirm flimmern Dokumentarbilder einer Hungersnot in Afrika (im Sahel?). An diesem Punkt hätte der Regisseur die Geschichte wenden, auf die Situation im Sahel richten und den Blick auf das Groteske in den sozialen und kulturellen Gegebenheiten Schwarzafrikas selbst fokussieren können. In diesem Zusammenhang hätte sich dann auch die Frage nach kulturell spezifischen Erzählformen und Dramaturgien stellen lassen, die Mambety in seinem Film übergeht, indem er die Geschichte in einer Weise erzählt, die in „Mitteleuropa“ üblich ist. Dürrenmatt stellt seine Version in den Traditionszusammenhang der antiken Tragödien. Das Problem dabei ist, ob diese Art einer „großen Erzählung“ der heutigen Welt gegen über noch adäquat sein kann respektive wie sie zu aktualisieren wäre. Die Interpretation eines moralischen Lehrstücks weist, so meine ich, auf eine Ebene, die, auch wenn diese Dürrenmatt immer abgestritten hat, durchaus in seiner Version auch enthalten ist - jedoch nicht derart vordergründig.

Jörg Huber
1948, Kulturjournalist und -publizist (Film, Fotografie, Architektur, bildende Kunst), Mitherausgeber von CINEMA, Dozent an der Kunstgewerbeschule Zürich, lebt und arbeitet in Zürich.
(Stand: 2019)
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