PIERRE LACHAT

FÜÜRLAND 2 (CLEMENS KLOPFENSTEIN, REMO LEGNAZZI)

SELECTION CINEMA

Vor zehn Jahren realisierten Clemens Klopfenstein und Remo Legnazzi im Umfeld der damaligen Berner Unruhen ihre überraschende Dialektkomödie E nachtlang Füürland. Sie fand so viel Beachtung, daß es die beiden Filmemacher für lohnend erachteten, ihr ein eigentliches „sequel“ nachzuschicken. Allerdings ist im Unterschied zu jener der Folgefilm nun mit allerbescheidensten Mitteln hergestellt worden.

Füürland 2 ist so sehr „Cinema direct“ wie „Cinema copain“. Er wurde, heißt das, ohne viel Schnittplanung aus der Hüfte heraus gedreht. Von einer Verlegenheitslösung zur nächsten schreitend, baut er notwendigerweise auf sehr viel kecke Montage, um nicht von eigentlicher Konstruktion im nachhinein zu reden. Immer wieder kommt dokumentarische Spontaneität, dann aber auch nur eine vage Verwirrung auf. Doch wo es etwas zu sagen gibt, findet sich immer ein Weg, es zu tun, und wenn’s der zweitbeste ist.

Ältergeworden ist Max, der Held von damals, unterdessen kaum vorangekommen. Miesepetrig-lustlos - ein Spießer, der sich’s nicht eingesteht — fristet er jetzt sein ewig-bernisches Dasein als Reporter eines depperten Lokalradios, welches Schokolade an Diabetiker verschenkt. Mit der arbeitswütigen Moderatorin des Senders streift er ein Techtelmechtel bis hart an die Bettkante. Doch lacht ihn dann das vorlaute Weib nur aus und ist letztlieh froh, daß keine Männer sie von Wichtigerem ablenken.

Auch ein noch sehr junges Mädchen kreuzt kurz Maxens Weg, doch ist und bleibt er einer Brasilianerin verhaftet, die es in die Bundesstadt verschlagen hat und die vielleicht den letzten Rest seiner alten Träume verkörpert. Mit den Frauen treibt er sich herum, mit dem alternden Rockmusiker Polo philosophiert er, während es von den Altachtundsechzigern einmal so gut wie offiziell heißt, sie sei en nun aber endgültig im Museum gelandet.

So wird Max die Vision vom immer wieder verfehlten Neuanfang, die Utopie Feuerland, nie mehr völlig los. Periodisch überkommt es ihn wieder, jetzt müsse aber - und jetzt, beim soundsovielten Versuch, werde auch - endgültig alles ganz anders werden. Einmal mehr zieht es ihn weg von Bern, doch daß er wieder ebendahin zurückgravitieren wird, kann als gesichert gelten.

Füürland 2 geht gewitzt mit der eigenen Trivialität hausieren und nimmt weder sich selbst noch seine Figuren, noch eines ihrer Probleme wirklich ernst. Er signalisiert jene Phase im Alterwerden einer Generation, wo wenigstens für den Moment und auf die kürzere Sicht hinaus nur noch eines hilft, nämlich der Humor, sprich die Fähigkeit, eigene Ansprüche zu redimensionieren, um nicht am eigenen Scheitern einfach zugrunde zu gehen. Klopfenstein und Legnazzi denken einigermaßen frohgemut, aber noch beruhigend vage an ein Füürland 3, welches in weiteren zehn Jahren zu drehen wäre.

Pierre Lachat
Zürich, ist Mitglied der „Filmtop“-Redaktion am Fernsehen DRS und freier Mitarbeiter der WochenZeitung und des Tages-Anzeigers.
(Stand: 2019)
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