MARTIN SCHAUB

HOLOZÄN (HEINZ BÜTLER, MANFRED EICHER)

SELECTION CINEMA

So wie Max Frisch in dem 1979 erschienenen Prosatext Der Mensch erscheint im Holozän gegen die meisten Konventionen der Erzählung verstößt (obwohl er ihn eine „Erzählung“ nennt), lösen Heinz Butler und Manfred Eicher viele Erwartungen, die „man“ an einen Spielfilm stellt, trotzig nicht ein. An dem Drehbuch hat Max Frisch mit seiner notorischen Angst vor dem „Festfilmen“ noch mitgearbeitet; die Geste des „Probeweisen“, dem Schriftsteller des Hypothetischen und der Fragebogen teuer, ist die Geste dieses Films geworden, der - ähnlich der Haupt- und Einzelfigur Geiser mit seiner Wanderung über den Paß - in seiner radikalen Offenheit die Gefahr der willkürlichen Lektüre entweder eingeht oder unterschätzt.

Bütler und Eicher verzichten auf den Text: Erland Josephsons Gemurmel bleibt oft unverständlich, und die Zettel, die Geiser-Josephson aus dem Brockhaus schneidet oder selber schreibt und an die kalte Wand seiner Haus-Höhle pinnt, werden oft so schnell weggezogen, daß sie der Zuschauer nicht zu lesen vermag.

Zwei Perspektiven vermischen sich: ein distanzierter Blick auf die Hauptperson, die, was die „Aktion“ - die innere wie die äußere - betrifft, systematisch in der dritten Person bleibt, noch pointierter als im Buch (wenn die sichtbare Figur von sich als von „ihm“ spricht). Und ein von Geiser adoptierter Blick auf die Naturkatastrophe, die sich um die Höhle abspielt. Die Zusammenfassung der beiden Perspektiven machte nicht nur den Autoren, sondern bereitet auch dem Zuschauer Schwierigkeiten. Es ist schwer, sich vorzustellen, was eine mit Frischs Text nicht vertraute/r Zuschauer/in mit dem Film anfangen, das heißt aus ihm herauslesen wird. Denn „Holozän“ ist - ähnlich wie Richard Dindos Max Frisch, Journal I-lII, nur viel hermetischer - eine filmische Lektüre des Textes, mehr ein Essay-Film als ein „Spielfilm“. Die Fels- und Meerlandschaften Islands, die in dieser Lektüre ein besonderes Gewicht, ja ein Übergewicht erhalten, teilen dem Zuschauer den „richtigen“ Kanal seiner Assoziationen zu, den „zeitlich-ewigkeitlichen“. Den Autoren gelingt es, ihr Publikum in jene grüblerische Verfassung zu leiten, die den Grundton des Buchs ausmacht. Mit überzeugenden, aber auch mit willkürlichen Mitteln; zu den willkürlichen ist bestimmt die Nachlässigkeit der Anschlüsse zu zählen, zu den adäquaten die Musik (was bei Manfred Eicher nicht erstaunt) und über weite Strecken, doch nicht ohne Einbrüche, das Bild von Yorgos Arvanitis.

Weil sich dieser Geiser nur an sich reibt, weil der Grund seiner existentiellen Unruhe nicht eigentlich spür- und deshalb nachvollziehbar wird - die Orchestrierung der überhandnehmenden Natur bleibt vergleichsweise diskret -, kann der Betrachter und vor allem die Betrachterin, der Geisers subtiler Machismus nicht entgehen wird, ins Ungefähre existentieller Ängste abdriften ... oder sich, mit Bruce Chatwin, fragen: „What am I doing here?“ In Max Frischs trotzigem Buch, diesem Buch des Aufstands gegen den Skandal des Zerfalls, geht die wohlfeile und spielverderbe- rische Frage nicht so leicht von der Zunge,

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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