DORIS SENN

BRUDER KLAUS (EDWIN BEELER)

SELECTION CINEMA

Heilige und ihre Legenden nähren sich aus Paradoxen, so auch Niklaus von der Flüe (1417-1487), der ein geruhsames Dasein in der Familie hätte führen können und sich in die Einöde zurückzog, der weder aß noch trank und trotzdem sein Leben erhielt, der die Nähe zu Gott suchte und von der Welt eingeholt wurde (um als Friedensstifter unter den Eidgenossen - Stanser Vorkommnis 1481 - in die Geschichte einzugehen).

Über Widersprüchlichkeiten rund um die Figur des Mystikers und der Kirche im allgemeinen versucht Edwin Beeler, sich dem Wesen des Heiligen und seiner Intention anzunähern. Dazu gehört der Kontrast zum vielreisenden Papst bei seinem obligaten „Bad in der Menge“, dazu gehören aber vor allem Menschen, die den Heiligen aus ihrer heutigen Sicht umreißen und von ihrer Glaubenserfahrung berichten, so unter anderen B. Leuthold, alt Landammann, R. Gröbli, der über den Bruder Klaus eine Dissertation geschrieben hat, W. Signer, entlassener, da zu aufgeschlossener Bruder-Klausen-Kaplan, aber auch der Obwaldner Baudirektor A. Dürrer, der seiner Vorstellung des Heiligen nacheifert, I. Jeker, die 1937 eine vom Vatikan anerkannte Wunderheilung erlebt hat, und R. Gessner, der nach einer schweren Kriegsverwundung sein Leben in den Dienst der Bruder-Klaus-Verehrung gestellt hat. In Anlehnung an das bildliche Erleben des Mystikers setzt Beeler eindrücklich symbolische Landschaftsausschmtte ein.

Das Filmporträt will den Bruder „Chlois“ dem kitschig-entrückten Heiligenbildchen-Dasein entreißen, ihn als politische Figur würdigen und damit auch die Rolle der Kirche als politische definieren, die die Glaubensgrundsätze der Zeit anpassen soll und nicht im Abseits der Geschehnisse bleiben darf. Die Person des Heiligen, obwohl in einem eindringlich gesprochenen Kommentar nicht greifbarer. (Frau und Kinder dürften der Bekehrung und Weltabgewandtheit ihres Ernährers wohl kaum mit verständnisvoller Akzeptierung, wie in einem Nebensatz des Kommentars vermutet, begegnet sein.) So stellt Beeler denn, obwohl er die fragwürdigen, von verschiedenster Seite immer wiederkehrenden Vereinnahmungen des Heiligen kritisch dokumentiert, den Glauben an solch mythisch-legendäre Figuren nicht grundsätzlich in Frage.

Doris Senn
geb. 1957, Romanistin, arbeitet über Volksliteratur, lebt in Zürich.
(Stand: 2019)
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