DORIS SENN

DONUSA (ANGELIKI ANTONIOU)

SELECTION CINEMA

Die Elemente des Szenariums muten vertraut an: eine kleine griechische Insel, ein Fremder, der in ihren geschlossenen Personenkreis einbricht und durch Verstoßen gegen die ungeschriebenen Regeln Verborgenes, Tabuisiertes aufdeckt, und schließlich das tragische Ende. Und doch ist es der griechischen Regisseurin Angeliki Antoniou gelungen, ohne in Stereotypen zu verfallen, in ihrem Film ein dichtes atmosphärisches Bild einer Gemeinschaft zu geben, die, um das Verbrechen (des Inzests) in ihrer Mitte wissend, sich durch ihr Schweigen mitschuldig macht.

Stefan (André Hennicke), deutscher Photograph, hat sich die abgelegene Insel Donusa für eine Bildreportage ausgesucht. Seine einzige Kontaktperson ist der Tavernenwirt (Dimitris Poulikakos), über den er Eleni (Christina Papamichou), eine verängstigte junge Frau, die eifersüchtig von ihrem Vater bewacht wird, und den von allen Dorfbewohnern gemiedenen stummen Schafhirt kennenlernt. Was Stefan den Anspielungen des Wirtes nicht entnehmen kann, wird uns enthüllt: die inzestuöse Beziehung des Vaters zu Eleni, ihre Schwangerschaft und die schmerzvollen Versuche, abzutreiben, sowie der Grund für die Achtung des Stummen - selbst Kind einer inzestuösen Relation -, dessen Mutter sich erhängt hat. Eleni fällt in heftige und verzweifelte Liebe zu Stefan, der die Beziehungsverstrickungen zwar erahnt, aber nicht durchschaut. Ihr Selbstmord macht ihn zum Ankläger der Inselbewohner, die ihrerseits die Schuld auf ihn abschieben möchten. Verhindert wird ihre Lynchjustiz von der Mutter Elenis (Eva Kotamanidou), die sich - zu spät - gegen ihren Mann durchsetzt.

Mit nüchternen, dem Malerisch-Ästhetisierenden geläufiger Griechenlandansichten widerstehenden Bildern reflektieren Pio Corradi und Patrick Lindenmaier die schnörkellose Geschichte, um dafür die karge Natur und den Alltag auf der Insel in den Vordergrund treten zu lassen. Der in seiner Emotionalität überzeugende und gleichzeitig zurückhaltende Film wird zur Parabel von einer (männerbeherrschten) Gesellschaft, die (wie im Falle des Inzests) Tabuisiertes im wahrsten Sinne des Wortes totschweigt, indem sie die Täter deckt und den Opfern die Stimme/ihre Anhörung verweigert.

Die griechisch-schweizerisch-deutsche Koproduktion ist in ihrer Erzählung geprägt von der (Film-)Tradition des Herkunftslandes der Regisseurin (verschiedene Schauspieler sowie der Drehort, die Insel Kithira, sind beispielsweise aus Theo Angelopoulos’ Filmen bekannt), weist aber in ihrer Thematik, dem Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen und der Problematik des Inzests, dessen öffentliche Diskussion erst seit kurzem in Gang gekommen ist, über die nationalen Grenzen hinaus.

Doris Senn
geb. 1957, Romanistin, arbeitet über Volksliteratur, lebt in Zürich.
(Stand: 2019)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]