JÖRG HUBER

CHRONIQUE PAYSANNE EN GRUYÈRE (JACQUELINE VEUVE)

SELECTION CINEMA

Während eines Jahres begleitete die Filmemacherin und Ethnologin Jacqueline Veuve die Bauersfamilie Bapst aus dem freiburgischen La Roche. Den Rhythmus der filmischen Beobachtungen bestimmen die alltäglichen Verrichtungen sowie der Wandel der Jahreszeiten, der die unterschiedlichen Lebensformen und Arbeiten der Bauersleute begründet. Im Sommer hält sich ein Teil der Familie in den fünf gemieteten Alphütten auf, wo auf überlieferte Weise der „Greyerzer“ hergestellt wird. Nach dem Alpabzug und der „Bénichon“, dem Kirchweihfest, ist die Familie wieder im Dorf vereint. Die Kinder gehen in die Schule; Näharbeiten, Verrichtungen im Stall, eine Sau wird geschlachtet; im Winter schlagen die Männer Holz. Abends schaut man fern und diskutiert über aktuelle Ereignisse wie die Abstimmung über die Volksinitiative „Schweiz ohne Armee“ oder die Fragen, die ein möglicher EG-Beitritt der Schweiz für die Bauern aufwirft.

Der Film entstand im Rahmen eines Projekts der europäischen TV-Kette „La Sept“, in dem das Leben von Bauersfamilien in verschiedenen europäischen Ländern dokumentiert werden sollte. Jacqueline Veuve entschloß sich, wieder mit der Familie Bapst zu arbeiten, über die sie schon 1988 einen kurzen Dokumentarfilm gedreht hatte (Les frères Bapst), und sie wählte für ihre Langzeitbeobachtung, wie es der Filmtitel anzeigt, die Form der Chronik. Aus intimer Nähe und ohne offensichtliche Interventionen dokumentiert sie das Leben der Bapsts. Grundlegend dabei ist einerseits das sachliche Interesse an Arbeitsvorgängen, an Brauchtum, an traditionellen Lebensweisen, die punktuell durch die „moderne Zeit“ aufgebrochen werden. Andererseits sind als Voraussetzung dieser Filmarbeit ebensowichtig die Zuneigung, die Jacqueline Veuve diesen Menschen gegenüber empfindet (und umgekehrt), sowie die einfühlsame und diskrete Teilnahme an Denken und Fühlen der Bauersleute. Grundiert ist beides durch das Wissen, daß diese Lebensweise vom Verschwinden bedroht ist. Entscheidend für das Gelingen der Chronik ist denn auch, daß die Autorin ohne Kommentar arbeitet, daß, bis auf einige wenige Sequenzen (die denn auch etwas abfallen), nichts gestellt ist und daß der Film durch die ruhigen, schönen Bilder des Kameramanns Hugues Ryffel lebt und seinen Rhythmus gewinnt. Eigenständigkeit und Tragfähigkeit der Bilder sind betont durch den Entscheid, hauptsächlich Off-Ton zu verwenden.

In diesem Film zeigen sich die Qualitäten und Möglichkeiten der Filmchronik, einer Gattung, in der Jacqueline Veuve mit vielen Arbeiten ihr Können bewiesen hat. Es zeigen sich aber auch die Grenzen dieser Art Dokumentarfilm: Die Chronik von Jacqueline Veuve schwört auf das „Authentische“ und blendet die Reflexion der filmischen Wahrnehmung sowie des Stellenwerts der Autorschaft der Filmerin aus. Beatrice Leuthold und Hans Stürm haben im selben thematischen Rahmen mit Gossliwil (1985) auf beispielhafte Weise dem (selbst)reflektierenden, essayistischen Dokumentarfilm den Weg gewiesen.

Jörg Huber
1948, Kulturjournalist und -publizist (Film, Fotografie, Architektur, bildende Kunst), Mitherausgeber von CINEMA, Dozent an der Kunstgewerbeschule Zürich, lebt und arbeitet in Zürich.
(Stand: 2019)
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