JÖRG HUBER

L’HOMME QUI A PERDU SON OMBRE (ALAIN TANNER)

SELECTION CINEMA

Alain Tanner arbeitet an „seinen“ Themen: Fluchtbewegungen, Grenzgänge, Liebesbeziehungen, das Sinnieren über die Welt und der Abgesang an Ideologien und Utopien. Was sich in seinen letzten Filmen und in seinen zahlreichen Äußerungen der vergangenen Jahre angezeigt hat, schlägt nun voll durch: Die Luft der Gedanken wird immer dünner und Tanner immer ratloser. Zum Resultat: Weil seine Katastrophenphantasien nicht gefragt sind, wird der Pariser Journalist Paul von der Zeitung entlassen. Er flieht nach Andalusien zu seinem Freund Antonio, einem bejahrten Altkommunisten, um in Ruhe über Gott und die Welt nachzudenken. Dank seiner ehemaligen Freundin Maria gelingt es seiner Frau Anne, ausfindig zu machen, wo Paul sich aufhält. Anne entschließt sich, ihn zurückzuholen, und überredet Maria, sie zu begleiten. In Südspanien, in Antonios Kneipe am rauschenden Meeresstrand, kommt es zum „Show-down“. Altklug kommentiert Antonio die einzelnen Runden der Begegnung; Paul fordert sein Recht auf einen momentanen Rückzug ein, um „über sich nachzudenken“. Anne vertritt das moralische Recht der Liebesbeziehung und appelliert an die Verantwortung, die Paul als Partner und Vater ihres Kleinkindes zu übernehmen hätte. Und Maria weiß nicht, welche Rolle sie zu spielen hat, da hilft ihr auch ein „Seitensprung“ mit Paul nicht weiter. Antonio stirbt, die beiden Frauen kehren nach Paris zurück, und Paul verspricht, nach dem Begräbnis seines Freundes, ihnen nachzufolgen.

„So spielt das Leben“ - und wir alle kennen die Konflikte zwischen verbaler Attitüte und Lebenshaltung, zwischen persönlichem Eigensinn und Beziehungsengagement, zwischen Idealismus und Erfahrung der Realitäten sowie der heute trendig beschworenen Erosion von Sinnstiftungen. Da führt auch Tanners filmische Auslegeordnung nicht weiter. Doch vielleicht liegt gerade darin das (sein) Problem, daß er nicht mehr weiterführen kann und will. Dann wäre aber gerade von ihm zu erwarten, daß er die „Problemlage“, die Fragestellungen, die psychischen Topographien, die zwischenmenschlichen Konstellationen präziser faßt, in ihrer vielschichtigen Widersprüchlichkeit differenzierter ausleuchtet, intelligenter reflektiert und, last but not least, filmisch umsetzt. Was wir aber in diesem Film vor uns haben, sind fahle Figuren, die plakativ Überlegungen, Lebenserfahrungen und Gefühle vortragen, grundiert von landschaftlichem Pathos und spanischer Folklore. Niemand erwartet heute ideologische Leitplanken, doch Ratlosigkeit - wenn man nicht mehr weiß, wofür man lebt, hat man seinen Schatten verloren, so Antonio -, heißt nicht Dümmlichkeit, wie sie in diesem Film von allen Figuren offen oder verbal kaschiert zur Schau gestellt wird. Bald haben wir das Jahr 2000, und Jonas“ wird 25 Jahre alt sein. Wenn Tanner seine frühere Arbeit noch ernst nimmt und nicht defätistisch über Bord wirft, dann müßte er die Geschichte von Jonas weiterfolgen. Im „No man’s land“ von Südspanien kann sie nicht enden.

Jörg Huber
1948, Kulturjournalist und -publizist (Film, Fotografie, Architektur, bildende Kunst), Mitherausgeber von CINEMA, Dozent an der Kunstgewerbeschule Zürich, lebt und arbeitet in Zürich.
(Stand: 2019)
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