JÖRG HUBER

POINT DE VUE (BERNHARD LEHNER, ANDRES PFÄFFLI)

SELECTION CINEMA

1827 belichtete der Erfinder und Tüftler Nicéphore Niépce etwa neun Stunden lang eine mit Asphalt beschichtete Zinnplatte. Die Camera Obscura, in der sich die Platte befand, war aus dem Fenster des Landhauses in Saint- Loup-de-Varennes gerichtet. Diese älteste Photographie der Welt galt lange Zeit als verloren, bis der Photohistoriker Helmut Gernsheim sie nach sechsjähriger Suche in England wieder fand. Peter B. Watt, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Kodak Research Laboratories in Harrow, gelang es, das Bild, das in der spiegelartigen Oberfläche der Heliographie verborgen war, sichtbar und reproduzierbar zu machen. Heute befindet sich das wertvolle Fundstück in der „Photography Collection“ der University of Texas in Austin, der ehemaligen Privatsammlung Gernsheims. Begleitet von Helmut Gernsheim verfolgen Lehner/Pfäffli in Point de vue die Geschichte dieser Photographie vom Ort ihrer Entstehung bis in den Archivraum in Austin. Dabei kommen verschiedene Spezialisten zu Wort, die die Bedeutung von Niépces Heliographie und deren Rezeption beleuchten. Diesem dokumentarischen Strang in Farbe wird eine zweite Ebene einmontiert. Diese ist, in Schwarzweißbildern, einer essayistischen Haltung verpflichtet und basiert auf dem Text L’avventura di un fotografo von Italo Calvino. Während die „Niépce-Geschichte“ konventionell erzählt wird und denn auch etwas „schullektionsartig“ ausfällt, bringt die zweite Ebene die notwendige thematische Ausweitung und Vertiefung sowie in der Filmsprache eine visuelle Vielschichtigkeit. Hier geht es um grundsätzliche Fragen der medialen Wahrnehmung und Aneignung von „Wirklichkeit“ und der Entwicklung photographischer Technologie bis zum heutigen elektronischen Bild. Die reflektierende Ebene ist mit der „Geschichte“ im Film auf gelungene Weise verknüpft. Sie macht aber auch in ihrer Diskrepanz auf die historisierende Optik aufmerksam, die die Spurensuche bestimmt und die heute wissenschaftlich überholt ist. So ist es denn auch nicht zufällig, daß die Begründungszusammenhänge der „ersten“ Photographie nur gestreift werden, wobei diese sehr wichtig wären in bezug auf die aktuellen Fragestellungen photographischer Arbeit. Zu dieser positivistischen Haltung trägt Gernsheim als Führer durch die „Niépce-Geschichte“ wesentlich bei (Lemagny hegt in dieser Beziehung auf produktive Weise quer), denn Gernsheim ist, wie er in seinen Publikationen auch gezeigt hat, ein Historiker „alter Schule“. Ein ungelöstes, den Autoren des Films bewußtes Problem ergibt sich zudem im Bereich der Sprache. Während die fremdsprachigen Aussagen in der „Niépce-Geschichte“ untertitelt sind, werden die Calvino-Texte als Off-Kommentar, je nach Version, deutsch oder französisch gesprochen. Calvino original wäre besser, schöner.

Jörg Huber
1948, Kulturjournalist und -publizist (Film, Fotografie, Architektur, bildende Kunst), Mitherausgeber von CINEMA, Dozent an der Kunstgewerbeschule Zürich, lebt und arbeitet in Zürich.
(Stand: 2019)
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