PIERRE LACHAT

ADOLF DIETRICH (FRIEDRICH KAPPELER)

SELECTION CINEMA

Man sieht auf Adolf Dietrichs Bildern kaum viel Aufregenderes als die Menschen aus seiner Umgebung, das Dorf mit dem See und den Rebbergen, die Wiesen und Wälder und die übrige Landschaft ringsum; er malte Pflanzen und Bäume, Kakteen und Früchte, am häufigsten aber Hunde, Füchse, Eichhörnchen, Vögel, Enten und Fische. Er war ein Prolet vom Land, ohne Bildung und Chance, aber mit einem unbestreitbaren Talent für die getreue Wiedergabe der Wirklichkeit. Er folgte keiner Richtung, verstand wenig vom Geschäft und nichts von der Welt. Selten ist er zu seinem Dorf hinaus und kaum je weiter als nach Deutschland gekommen, auf das er von Berlingen zum Untersee aus hinüberblicken konnte. Mittels seiner Bilder bezeugte er eine entschwundene bäuerlich-naturnahe Lebensart, die bis dahin Jahrhunderte ohne große Veränderungen überlebt hatte. 1957 starb er fast 80jährig.

Friedrich Kappeler entstammt selber der thurgauischen Provinz und ist durch Filme wie gerade diesen dem Land gern verbunden geblieben. Schon bloß, weil Dietrich keine Person des öffentlichen Lebens war und nur noch auf einzelnen Gemälden, Photographien und Amateurfilmen abgebildet ist, mußte Kappeler sehr zu seinem Glück weniger beschreiben und mehr interpretieren. Nicht die Kunst selber, sondern was sich in ihr erhalten hat, galt es zu filmen. Auf unerwartete Weise, besonders auch mit Humor und Musik, bringt es der Film zuwege, noch einmal das verträumte Berlingen des Adolf Dietrich aufleben zu lassen und mit dem Dorf auch ein wenig ihn selber.

Pierre Lachat
Zürich, ist Mitglied der „Filmtop“-Redaktion am Fernsehen DRS und freier Mitarbeiter der WochenZeitung und des Tages-Anzeigers.
(Stand: 2019)
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