JÖRG HUBER

DAEDALUS (PEPE DANQUART)

SELECTION CINEMA

Der eine schwärmt, daß er einen Embryo einfrieren und fünf Jahre konservieren oder ihn spalten und identische Zwillinge produzieren kann. Ein zweiter will künstliche Gebärmütter hersteilen, ein dritter experimentiert mit überzähligen Embryos aus Invitro-Befruchtungen, obwohl dies verboten ist.

Was als fiktionales Horrorszenario anmutet, ist Realität: Seidl, Zamenhof und Buletti sind Genforscher, die in Amerika und Italien arbeiten. Drehbuch-Mitautor Martin Bohus gelang es, die Wissenschaftler vor die Kamera zu bringen und zu interviewen. Einerseits halfen ihm dabei seine Fachkenntnisse - Bohus hat Medizin und Philosophie studiert -, andererseits die „Mediengeilheit und der Narzißmus“ dieser Schöpfungsphantasten. Die derart eingefangenen dokumentarischen Bilder und Aussagen bilden einen Hauptstrang des Films Daedalus und gleichzeitig dessen eigentlichen Kern. Es geht um die gegenwärtige Situation und die zukünftigen Perspektiven der Gentechnologie und darüber hinaus aber und wesentlich um die „Schöpfungsphantasien der Männer“.

Die Filmautoren begnügten sich aber nicht mit dem Vorzeigen dieses Materials. Vielmehr versuchten sie die Frage nach der Realität der Forschungssimulationen und das heißt auch das Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion vielschichtig weiterzutreiben sowie gleichzeitig eine filmische Form zu entwickeln, mit der es gelingen sollte, ein breiteres Publikum anzusprechen. So erscheinen denn die Dokumentaraufnahmen als Bild im Bild, auf dem Videomonitor des Professors Daedalus.

Wir schreiben nun das Jahr 2018. Assistiert vom jungen, flippigen Technofreak Mino, arbeitet und wohnt Daedalus in einem budenartigen, skurrilen Labor. Früher war der Gentechniker angstellt bei der HeliX Corporation und dort mitverantwortlich für die Produktion der „Einheit Achthundert“, künstlich gezeugter, genetisch optimierter menschlicher Wesen. Von HeliX entlassen, kamen dem von Mino spöttisch „Daedalus“ genannten Skrupel, und er setzte sich zum Ziel, in nächtlicher Heimarbeit die jüngste Geschichte der Genwissenschaft zu dokumentieren, nicht zuletzt, um deren Zukunft nach seinen ethisch-moralischen Kriterien „positiv“ umzulenken. In diesem Ansinnen gewinnt er in Khira, einem weiblichen Produkt seines „Achthundert-Programms und HeliX-Mitarbeiterin, eine Verbündete. Als Putzmann bei HeliX sein Gnadenbrot verdienend, betreibt Daedalus Werkspionage, und die Geschichte eskaliert, bis zum theatralischen Attentat.

Den Filmemachern gelang es, mit Daedalus in die Kinos zu kommen und auf engagierte Weise ein wichtiges Thema unserer Gesellschaft und Zivilisationsgeschichte vor ein größeres Publikum zu tragen. Für die Zuschauerinnen, die über Sachkenntnisse verfügen, bringt der Film einige Hinweise, Anspielungen und Anregungen, die weiterführen. Für ein Kinopublikum, das Unterhaltung sucht, bringt er diese, wenn auch und zum Glück (was im Schweizer Film selten ist) doppelbödig und teilweise abgründig. Ein Rest an Unbehagen bleibt trotzdem, und zwar in bezug auf die Dramaturgie der Spielhandlung, die Schauspielerlnnen-Führung und die Einrichtung der Schauplätze. (Da kann auch eine solide Kameraarbeit nicht alles retten.) In diesen Bereichen ist doch (allzu)viel dünn konstruiert und einer Improvisation überlassen, die von Ratlosigkeit (und Unvermögen) zeugt und auch Ratlosigkeit hinterläßt: nicht der Sache gegenüber, sondern dem, was die Figuren auf der Leinwand machen und wollen. In dieser Hinsicht ist die dokumentarische Ebene eindeutiger und damit die Realität der Fiktion ein Schritt voraus.

Jörg Huber
1948, Kulturjournalist und -publizist (Film, Fotografie, Architektur, bildende Kunst), Mitherausgeber von CINEMA, Dozent an der Kunstgewerbeschule Zürich, lebt und arbeitet in Zürich.
(Stand: 2019)
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