MARTIN SCHAUB

CHARTRES (HEINZ BÜTLER)

SELECTION CINEMA

Die Musik des Sologeigers Paul Giger ist das Maß von Heinz Bütlers Musikfilm geblieben. Der innere Rhythmus der Initiation, die „Chartres“ (ECM New Series 1386) „beschreibt“, bleibt verbindlich für den Filmer, der äußerst sparsam umgeht mit synästhetischen Einfällen. Ihm ging es nicht um Illustrationen der Töne, sondern um die Umsetzung in sein Medium, das sich ja wie die Musik auch in der Zeit erfüllt. Der Weg der Musik und ihres ganzen geistlichen Hintergrunds führt von außen nach innen: Thema ist der „geheimnisvolle Weg, der nach innen geht“ (Novalis): der mystische Weg. Bildlich widerspiegelt er sich einerseits in der Kathedrale von Chartres; Krypta, Kirchenschiff, Vierung, Chor, andererseits in einem Weg und seinen Stimmungen immer höher hinauf, in die Einsamkeit einer hochgebirgigen Winterlandschaft und der Heimkehr an den Ausgangspunkt einer Wanderung durch die äußere und die innere Welt. Überrascht hat mich zunächst nur die Wahl des einsamen Wanderers; es ist ein alter Mann mit zwei Krücken, der heimfindet unter sein Dach, nachdem er - auf eine Art „kreisförmig“ - (noch einmal) die Welt geschaut hat. Zu Gigers Musik habe ich mir - wenn überhaupt - einen jungen Parzifal, einen Lehrling zu Sais (wieder Novalis) oder einen jungen Mönch vorgestellt. Dadurch, daß Heinz Bütler den alten Nachbarn Gigers heimkehren läßt — zurück zum Dreieck, zu der Pyramide des Hauses —, kommt eine neue, zusätzliche Ausdeutung der Musik zum Tragen: nicht mehr nur Initiation (zum richtigen Leben), sondern auch Lebensweg (zum richtigen Sterben).

Hansueli Schenkel hat Bilder von einer ergreifenden getragenen Ruhe geschaffen, Bilder, die sich auch dann bewähren, wenn die Kamera - im bewegtesten Teil der Musik - die Distanz aufgibt, wenn Paul Gigers Hände über die Saiten fliegen. Und Peter Drehfahls digital aufgenommener O-Ton ist von so außerordentlicher Qualität, daß eine Vermischung mit der Studio-Aufnahme für die Platte möglich war. Daß zwei Teile des Stücks von der Platte übernommen worden sind, merkt nur, wer es weiß. Chartres zeigt auch neue Wege für die Tonarbeit von Low-Budget-Filmen auf, deren atavistischster Teil ja leider meistens noch immer die Tonspur ist.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]