MARTIN SCHAUB

NOUVELLE VAGUE (JEAN-LUC GODARD)

SELECTION CINEMA

Der Konsens ist — nach Jahren - wieder hergestellt: Nouvelle Vague — neue Welle oder vage Neuigkeit - ist ein Hauptwerk des Films der neunziger Jahre und einer der schönsten Filme im Werk Godards. Nachdem er in Soigne ta droite ein Lamento über den Diebstahl und ein trotziges Manifest des „närrischen“ Autorenfilms veranstaltet hatte, formulierte er in Nouvelle Vague ganz selbstverständlich und stark den Stand seiner Sensibilität, seiner Erfahrung und seiner Hoffnung, in Bildern, die bleiben, und in Worten, die die seinen geworden sind, weil er sie richtig fand und findet. Man wird Nouvelle Vague als das erste Alterswerk Godards bezeichnen dürfen, wissend und ahnend, dass er bald einmal wieder jede Weisheit vermissen lassen wird.

Godard bezeichnet sich als den „Organisator“ dieses Films, der von allen ihm bekannten Sätzen und Setzungen lebt, von der Bibel bis zu Filmen, die er liebt. Den zentralen (Rimbaud-)Satz ,Je est un autre“ darf man auch auf Godard beziehen: Was ich bin, bedeutet er seinem Zuschauer, ist nicht nur das, was ich erlebt, sondern vor allem das, was ich gelesen und gesehen habe; nicht die Sache, sondern ihre Formulierung. Godard tritt zurück hinter diese Formulierungen, und trotzdem ist er gegenwärtig. Man zitiert ja schliesslich nicht irgendetwas.

Einfacher in seiner Grundstruktur ist noch kein Godard-Film gewesen, „einfach“ wie das Alte und das Neue Testament: erster Teil „Zahn um Zahn“, zweiter Teil „Mitleid“. Doch das „wilde“ System von Spiegelungen von Literatur und in Literatur macht ihn denn doch wieder zum Labyrinth, aus dem jeder und jede seinen oder ihren eigenen Ausweg findet — oder auch nicht.

Die Entwicklung des Mannes teilt Godard auf zwei Figuren auf, Roger Lennox und Richard Lennox (Alain Delon), die Frau hingegen durchlebt zwei Identitäten — Täterin und Opfer, böser und guter Engel, Richterin und Liebende.

Die ausgiebigen Travellings des Films suggerieren die Wandelbarkeit, das wellenförmig Fliessende. Nichts wird in Nouvelle Vague deklariert und festgehalten, alles fliesst weg und kommt - vielleicht — wieder zurück. Godards Geist lässt Ich und Du (oder Er und Sie), Mann und Frau, Innen und Aussen verschwimmen. Der Film gleicht einer freien Reihe von Tönen, die die Saiten des Zuschauers und Zuhörers zum Mitschwingen bringen. Selten hat man im Kino dermassen den Eindruck gehabt, man habe einen Film selber gemacht, seinen Film selbstredend.

Im Grunde sind nur ein paar wenige Einstellungen in Nouvelle Vague eindeutig, die Szenen des Godardschen „Handtheaters“: das Ergreifen und das Verweigern, Handel und „Händel“. Es ist der Film eines Mannes, der geliebt sein möchte, und der nicht weiss, wie und ob man Liebe gewinnen kann. Eigenartig in dieser Hinsicht Alain Delon, der als passiver Roger Lennox blass bleibt, aber als agiler bis aggressiver Richard Lennox Präsenz gewinnt; der alte Adam. Während Domiziana Giordano die beiden „Naturen“ ihrer Figur scheinbar ohne Aufwand bringt, eine betriebsame Äusserlichkeit wie eine ratlose Innerlichkeit

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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