ROLAND COSANDEY

NECO Z ALENKY - ALICE (JAN SVANKMAJER)

SELECTION CINEMA

„Ursprungsland Schweiz“ - die Zufälligkeiten der Koproduktion und reine Vertragsformalitäten haben hier zusammengewirkt und unser Interesse geweckt. Ein Vorgehen, wie es in der Filmbranche an sich nicht unüblich ist; allerdings mit der Besonderheit, dass die Produktion ohne Beteiligung der offiziellen Filmindustrie realisiert worden ist. Vorläufig sieht es denn nicht so aus, als ob der Film in der Tschechoslowakei selber in den Verleih gelangen konnte, obwohl es sich hier um ein Schlüsselwerk im Schaffen von Jan Svankmajer (Jabberwocky, 1971; Do Pivnice/Der Keller, 1983) handelt, um einen Film, gereift und entstanden in enger Vertrautheit mit Lewis Caroll.

Alice ist kein Kurzfilm, sondern hat eine normale Spieldauer, eine Rarität bei Trickauf nahmen mit Gegenständen. Eine ausführlichere Besprechung müsste wohl Alice im Wunderland oder Ein Traum von Jan Svankmajer heissen und könnte aufzeigen, dass der Film keine Adaptation, sondern eine Interpretation im musikalischen Sinne ist. Die Partitur stammt zwar von Caroll, der Interpret gibt dem Werk mit seinen Instrumenten aber eine eigene Dimension und erreicht damit eine unverwechselbare Wiedergabe. Die arcimboldeske Allegorik, das Bizzarre der künstlich belebten Dinge, die Faszination des Ineinandergreifens von Pflanzen- und Tierreich, die endlose Verschachtelung der Räume - lauter Motive, die Svankmajer aufgreift, ohne Caroll zu verraten. Im Gegenteil gelingt es ihm, die schönste Krocketpartie zu inszenieren, die jemals von Tenniels Illustrationen inspiriert worden ist - ein in Hommages entzückend gefasstes Juwel!

Roland Cosandey
ist Lehrbeauftragter an der Ecole Politechnique und der Ecole des Beaux Arts in Lausanne und freier Filmpublizist.
(Stand: 2019)
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