VERENA ZIMMERMANN

LA VALLÉE FANTÔME (ALAIN TANNER)

SELECTION CINEMA

Alain Tanner erzählt von einem Filmregisseur, dem nicht die Ideen abhanden gekommen sind. Aber jeder Entwurf ist nichts weiter als eine Geschichte mehr - nicht schlecht, aber auch nicht zwingend. Paul, etwas kaputt, etwas müde, den Jean-Louis Trintignant gibt, als stelle er sich selbst dar, ist in der Krise. Ein Gesicht müsste ihn inspirieren, von einer Schauspielerin könnte, so denkt er, der entscheidende Anstoss kommen.

In der Erinnerung taucht ein Name auf, Dara. Vorjahren hatte er Probeaufnahmen mit ihr gemacht, „sogar ein wenig verliebt warst du“, weiss die Lebensgefährtin noch, und das ist wohl der Grund, wie sich zeigen wird, warum Paul diese Frau (Laura Morante) und keine andere will. Aber er geht nicht selbst auf die Suche, sondern schickt Jean, der kurz zuvor aus dem Nichts aufgetaucht war, ein junger angehender Filmemacher, was der Darsteller Jacob Berger, Sohn von John Berger, dem Drehbuchautor früher Tanner-Filme, tatsächlich ist.

Die Suche führt nach Chioggia, in eine Landschaft aus Licht, in der eine nicht (oder doch?) voraussehbare Geschichte ihren Lauf nimmt: Alain Tanner hat wieder einmal, in Farbe, einen optisch bestechenden Film gedreht, er spielt mit atmosphärischen Nuancen und erzählt, nach dem düster-verzweifelten No Man’s Land, mit einer Ironie, die ein Stück weit auch Selbstironie sein mag.

Paul, der Regisseur, der sich im Kreis dreht, versucht die Inszenierung der Realität; Jean, dreissig Jahre jünger, soll den Weg ebnen. Paul meint, die Fäden in der Hand zu halten, erst die Verunsicherung, als die Dinge ihm entgleiten, vermag schockartig etwas auszulösen, bringt Leben in ihn.

La vallée fantôme ist die Geschichte einer Passage, weniger die eines Ankommens; die Geschichte von einem, der in die Irre geht, und der Irr-Lauf ist die eine Möglichkeit, sich zu orientieren. Tanner lässt Paul zurückkehren in sein Jura-Tal, in die flache Weite der Land schäft bei La Brévine, im Juni liegt an tiefen Stellen immer noch Schnee. Paul ist so weit wie zuvor, aber es war nicht nur Treten am Ort; er hat eine Geschichte hinter sich, die ins Lebendige geschnitten hat.

Geschrieben wurde der Film vor Une flamme dans mon cœur, gedreht allerdings erst danach, weil Jean-Louis Trintignant krank geworden war. Une flamme dans mon cœur, entworfen und gedreht mit Myriam Mézières in der aufgezwungenen Arbeitspause, sei gewissermassen die Fortsetzung von La vallée fantôme, die Geschichte einer Schauspielerin, die sich leidenschaftlich auf ihre Liebe konzentriert und sich dabei fast verliert, aber zu wörtlich darf man das vielleicht doch nicht nehmen. Tanners Filme haben bisher noch nie Abziehbildern des Lebens geglichen, und schon gar nicht liessen sie sich als Fortsetzungsroman lesen. Auch der Schluss von La vallée fantôme ist offen, viele Wege scheinen möglich, der Film hat, im Gegensatz zu Une flamme dans ma cœur, etwas Befreiendes.

Verena Zimmermann
Basel, ist Filmkritikerin, u.a. bei der Basler Zeitung.
(Stand: 2019)
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