PIERRE LACHAT

HAPPY END (MARCEL SCHÜPBACH)

SELECTION CINEMA

Normalerweise würde ein Pärchen wie die Diebin Alex und der ausgestiegene Börsianer, sprich: Legal-Dieb Jean südwärts auf seine Tour abhauen, nach Gibraltar und Mali, wo der Kontinent unendlich scheint, doch wird im vorliegenden Fall in der umgekehrten Richtung davongestoben, an Bord einer funkelnagelneuen Limousine, deren Marke und Styling dem Betrachter mit einigem Nachdruck unter die Nase gerieben wird - der entsprechende Posten im Budget muss, mit anderen Worten, erheblich gewesen sein. Die Spur der beiden Zufallsverliebten führt also zum und über den Kanal quer durch England bis zum schottischen Land’s End. Was als „amour fou“ beginnt, endet dort, wo es nicht mehr weitergeht, am Happy Land’s End, in einer „folie ä deux“ nicht frei von Blutvergiessen: Verknalltheit kann einen Knall im Kopf bewirken, Liebe macht in aller Regel verrückt. Alex, die Frau, möchte weiterfliegen, wenn es sein muss ohne den Geliebten. Jean will das tolle Vögelein zurückbehalten und ist bereit, alles dafür zu tun. „Wirklich alles“, wie die Produktion in ihrer Synopsis trocken feststellt.

Die Auflösung in Form eines Gemetzels ist darauf angelegt, die Meinungen der leicht Beeindruckbaren zu teilen: Einige entsetzen sich, andere verteidigen den Film über das Entsetzen hinaus. Man kann sich gewiss streiten, selbst unter Hartgesottenen, doch versucht sich Marcel Schüpbach mindestens in der radikalen Konsequenz, er verspürt immerhin das löbliche Bedürfnis, der argen Bravheit des Schweizer Films der achtziger Jahre zu entgehen und vielleicht auch der Kalligraphie seines Erstlings von 1984, L’Allègement. Indiskutabel gelungen sind jedenfalls, im Unterschied zur Dramaturgie, die Porträts der beiden Protagonisten Alex und Jean. Schüpbach hat das Glück, auf zwei Darsteller abstellen zu dürfen, die mit Lust und Leidenschaft bei der Sache und voll auf einander eingestellt sind: Marie-Luce Felber und Carlo Brandt. Stimmen die Figuren, so grübelt man über das, was ihnen widerfährt, am besten einfach solange nach, wie es einem drum ist. Nicht jeder wird zu einem Schluss gelangen.

Pierre Lachat
Zürich, ist Mitglied der „Filmtop“-Redaktion am Fernsehen DRS und freier Mitarbeiter der WochenZeitung und des Tages-Anzeigers.
(Stand: 2019)
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