FREDI M. MURER

BRIEF

ESSAY

Zürich, den 7. Juni 1988

Lieber Miklós Gimes,

an Stelle eines Textes über mein „Suchen und Finden von Geschichten“ - wie Du ihn bei mir fürs CINEMA bestellt hast - musst Du nun mit einem Kapitulations-Schreiben vorlieb nehmen, das Du notfalls als eine Art Realersatz veröffentlichen kannst. Der Grund ist mein Berufsgeheimnis. Aber dies kannst Du glauben oder auch nicht. In der Umgangssprache der Urner Bergler gibt es das Wort „Phantasie“ nicht. Wenn einer solche zur Anwendung bringt, sagen sie dem auch lügen. Ob einer zum eigenen Vorteil die Unwahrheit sagt oder zur Unterhaltung anderer lügt, muss man aus dem Tonfall hören. Lügen tun alle (äusser den Lebensunfähigen), aber wenn sie von einem sagen, der könne gut lügen, handelt es sich um einen, der gut Geschichten erzählen kann, die zwar erstunken und erlogen, aber dafür vielleicht wahr sind. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind dann meist nicht zufällig, und wem sie erzählt werden auch nicht. Wer redend Geschichten erzählt oder erfindet, braucht ein Visavis. Wer dies schreibend tut, dem genügt schon ein stumpfer Bleistift - ich denke an Adolf Wölfli - oder eine Schreibmaschine. So oder so ist Schreiben eine einsame Sache, finde ich, aber ich leide nicht darunter.

Es liegt nun an Dir, am Tonfall meines Briefes zu erkennen, ob ich lüge, wenn ich sage, dass mir beim schreiben müssen eines Textes übers Geschichten suchen und finden die Phantasie abhanden gekommen ist. Da ich mir Phantasielosigkeit nicht leisten darf, habe ich „Berufsgeheimnis“ vorgeschoben. Das einzige, was mir eingefallen ist, war die Form. Die Brief-Form hat wie die Rede ein konkretes Visavis. Bevor ich das erste Wort einer Geschichte schreibe, sehe ich mich von lauter Hindernissen, Gefahren und Fallen umstellt. Die Angst vor dem ersten Wort ist wie die Angst vor einem Fehltritt im Nebel auf einem Berg. Statt einen Schritt zu machen, denke ich: „Leben ohne Angst wäre stinklangweilig.“ Die Konsequenz dieses Gedankens zwingt mich zum ersten Schritt. D.h. auf dem Papier steht der erste Satz. Der zweite kann den ersten zwar als Fehltritt bereuen, aber nicht mehr rückgängig machen, und schon hat „die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben“ ihren Anfang genommen. Der Sturz ins Bodenlose erlaubt unendlich viele Varianten der Fortsetzung, aber lässt offen, wie er endet, sonst wäre er nicht bodenlos. Wörter bedienen sich der Bilder, und diese Bilder zwingen mich, sie beim Wort zu nehmen. In diesem Zusammenhang ist mir aufgefallen, dass ich nicht mit dem Kopf schreibe, sondern mit den Händen. Ob ich mit der Füllfeder schreibe oder mit der Tastatur, beeinflusst mein Schreibgefühl und sogar den Stil. Ich bilde mir sogar ein, es sei so verschieden wie für den Maler Pinsel oder Bleistift. Mit der Maschine schreibend fühle ich mich stets an Gelesenes, also an bereits schon Geschriebenes, erinnert. Der Wortschatz und die Grammatik diktieren mir meine Gedanken wie ein Diktat. Wenn ich mit der Feder schreibe, also fast mit den Fingerspitzen Linien zeichne, gelingt mir manchmal, ins Bildarchiv der Tastsinn-Erinnerung vorzustossen. Dieses Gedächtnis ist im archäologischen Sinne viel älter als der Wortschatz. Es reicht weit hinter die Sprache zurück, wo noch die schöne Ordnung des Chaos herrscht und wo noch keine „Steinmännchen“ aus Buchstaben und Wörtern die Sicht verstellen. Hier sind die nachmaligen Bilder ohne Legenden oder auch nur namenlose Empfindungen ohne Bild. Zugegeben, pinselnd findet man unmittelbarer Zugang zu diesem „Ursumpf“ als wahrscheinlich schreibend. Die Angst des Schreibenden, den Kopf zu verlieren, verschont ihn wiederum vor dem besagten Schritt im Nebel auf dem Berg, aber vielleicht zum Preis der Originalität eines echten Absturzes in literarischer Hinsicht. Für mich als Filmemacher bzw. Drehbuchschreiber ist das Geschriebene zum Glück keine Endstation, sondern nur Zwischenlandung. Das macht das Schreiben von Geschichten zum notwendigen Übel, was ich persönlich nicht übel finde, wenn dabei die Bilder und Töne nicht abhanden kommen. Film und Literatur vertragen sich sehr schlecht. Vor gut geschriebenen Drehbüchern sei ebenso gewarnt wie vor schlechten: Ein Film ist ein Film ...

Nun habe ich mit meiner gewohnten Selbstüberlistung dennoch zwei Schreibmaschinenseiten geschrieben. Diese Methode nenne ich: Den Hut über den Bach werfen. Wenn er mal drüben ist, muss ich nur noch selber irgendwie rüberkommen, was hiermit mit der Preisgabe meines Berufsgeheimnisses in Brief-Form geschehen wäre.

In der Hoffnung, gut gelogen zu haben, danke ich für den Auftrag und grüsse Dich herzlich

Fredi M. Murer

Fredi M. Murer
ist Filmemacher in Zürich. Autor u.a. von Höhenfeuer. Arbeitet derzeit an einem Spielfilm, der zweimal die gleiche Geschichte aus jeweils anderer Sicht erzählt.
(Stand: 2019)
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