BEATRICE LEUTHOLD

ASYL, DIE SCHWEIZ – DAS NADELÖHR (HANS STÜRM UND ZAHLREICHE IN DER ASYLFRAGE ENGAGIERTE)

SELECTION CINEMA

Im April 1987 wurde über die 2. Asyl- und Ausländergesetzrevision abgestimmt. Der Film Asyl wurde als Experiment gestartet: Würden sechs Wochen zur Herstellung genügen? Würden die Mittel in einer Briefaktion zusammenkommen, Medienschaffende schon vorhandenes Material zur Verfügung stellen, würde der Film auf Nachfrage stossen und kurzfristig genügend Verbreitung finden können? Mit anderen Worten, kann man heute noch einen Interventionsfilm machen? Man kann offenbar, wenn man den zwangsläufigen Frustrationen (das „Asylgesetz“ wurde wie erwartet angenommen) entgegenzuwirken versucht, auf der Ebene des Machens, auf der des Inhalts. Die Schweiz hat neben ihrer Igel-Mentalität auch immer eine Tradition des Engagements in der Flüchtlingsfrage gehabt. Asyl geht den Menschen nach, die auch heute die offizielle Flüchtlingspolitik nicht billigen und ein eigenes Handlungs-Szenario entwickelt haben, oft spontan auf eine Notsituation hin wie Alain Wyler, der 1981 42 Kurden in der Pfarrei „Eaux Vives » aufnahm; wie Peter Walss, der hungerstreikende Chilenen 1985 über Wochen in Zürich-Seebach beherbergte. Peter und Heidi Zuber gründeten die AAA (Aktion für abgewiesene Asylbewerber). Sie alle sprechen im Film über Motivation und Erfahrungen, „sprechende Köpfe“ also, die aber ansprechen, weil sie unspektakuläre, ruhige, unambitionierte Zeitgenossen markieren. Eindrücklich die Schilderungen der chilenischen Familie Pulgar über Verfolgung und Flucht; mit Erleichterung nimmt man wahr, dass den Pulgars nach der Seebach-Aktion Asyl gewährt wurde. Auch für die zairische Familie Kambua, die anlässlich des 1. banquet républicain im Bild erscheint, hat sich nach der Intervention Engagierter neue Hoffnung aufgetan. Der Film geht mit Absicht positiven Beispielen nach, er will ein Loch brechen in die Mauer lähmender Erscheinungen, die reichen von Schweigen über Ohnmachtsgefühle bis hin zu Feindseligkeit. „Fremdes“ Material aus Tagesschau und TV-Features skizziert kurz die Hintergründe von Verfolgung und offizielle Ausschaffungsmethoden. Markus Imhoof steuerte die Ausschaffungsszene aus seinem Film Das Boot ist voll bei und Irène Schweizer/Louis Moholo ihre mitreissende bikulturelle Musik.

Für ähnliche Unternehmen dürfte die Verarbeitung des Materials von Interesse sein. Der Film wurde auf Video-8 gedreht, jedoch nicht auf einem Videoschnittplatz geschnitten, weil bei bescheidener Qualität von Aufnahmen der Videoschnitt mit seinen zahlreichen Generationen problematisch ist, weil die Tonmontage beim Videoschnitt aufwendig und kompliziert ist und last not least der professionelle Videoschnittplatz im Vergleich zur 16 mm-Umkehrkopie als Arbeitskopie und zur 16 mm-Montage unvergleichlich teurer zu stehen kommt. Das ausgewählte Material (Video-8, externes VHS) wurde auf Highband überspielt und mit einem Time-Code versehen, darauf vom Monitor auf 16 mm-Umkehrmaterial abgefilmt. Die daraus entstandene Arbeitskopie samt Ton wurde normal montiert auf einem 16mm-Montagetisch. Danach erfolgte der Highband-Schnitt nach dem Time-Code auf der fertigmontierten 16 mm-Arbeitskopie. Das geschnittene Highband wurde über Monitor auf 16 mm-Negativ übertragen. Nun konnten einerseits Videokopien vom Highband, andererseits 16 mm-Filmkopien vom 16 mm-Negativ hergestellt werden.

Beatrice Leuthold
1944, Filmjournalistin und -publizistin, Autorin (Mutterraben, Briefe an Michael und Silvan, Erzählungen, 1980), Coautorin bei den Filmen Lieber Herr Doktor, 1977; Gossliwil, 1981/85; lebt und arbeitet in Zürich.
(Stand: 2019)
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