MARIANNE FEHR

ROTLICHT! (URS ODERMATT)

SELECTION CINEMA

Es war zu befürchten, dass Doris Dörries Männer, die erfolgreiche 80er-Jahre-Klamotte mit der Vor-68er-Ideologie, Nachahmer finden würde. Urs Odermatt räumt den Laden ungeniert und gründlich aus: der gleiche Hauptdarsteller (Uwe Ochsenknecht), dasselbe Milieu (Werbung), dieselbe Anlage (flotter Dreier — diesmal mit zwei Frauen), diverse Sujets (Lift etc.).

Der Witz, über den man sich eine gute Stunde auf die Schenkel klopfend amüsieren soll, ist folgender: Uwe Rühle, art director (also eine Art Direktor in der Werbebranche), dessen Aufgabe darin besteht, den ganzen Tag in Fotohaufen zu wühlen, tut einen Seitensprung mit Ariela (Anouschka Renzi) und wird dabei quasi in Betto von der festen Freundin, dem doofen Ballethuhn Nora (Michaela Galli) erwischt. Gehen die beiden Fräuleins erst wie es sich gehört wild kreischend aufeinander los, kuscheln sie in der Folge immer mehr zusammen, bis sie das Bett teilen, während Uwe dumm dasteht und sich gelegentlich mit der Chefin (Yvonne Küpper) verlustiert oder einfach öde in der Wohnung rummotzt, welche irre lustig eingerichtet ist (Telefon im Kühlschrank usw.).

Spricht Uwe Ochsenknecht eigentlich nicht gerade viel und macht er auch selten Gebrauch von der Kunst des mimischen Ausdrucks, sondern vermittelt eher den Eindruck, er sei zur Arbeit geprügelt worden, arten die Dialoge der Michaela Galli immer gleich in längere Vortragsübungen in Szenen-Züritüütsch aus. Da jagen sich die „Logos“ und „Schnallschäs“ und dergleichen Ausdrücke, die der heutige junge Mensch offenbar pausenlos zu gebrauchen pflegt. Dafür hat das Bild einiges an Spannung zu bieten: Wird Ariela beim nächsten Auftritt mit oder ohne Badekostüm zu sehen sein? Erscheint die Chefin im Gymnastik-Dress zur Arbeit?

Einige Anspielungen auf die Prüdheit der Obwaldner lassen hinter diesem Film eine aufgeschlossene Geisteshaltung vermuten. Doch die Moral von der Geschieht’ ist düsteres Mittelalter: Als Ariela im Bad onaniert (ohne Badeanzug!), fällt ihr ein elektrisches Radio ins Wasser. Gott straft sofort und gründlich.

Zwei, drei wirklich komische Einlagen bietet der launige Jugendschwank doch noch: Einige Original-DRS3-Aufnahmen, die, so aus dem Zusammenhang gelöst, die Stupidität heutiger

publikumsnaher Plätscherunterhaltung dokumentieren, und eine fingierte Tagesschau-Szene, in der Leon Huber mitteilt, Roger Schawinski habe sein Radio an einen Sektenführer verkauft, und darauf die Ankündigung des gähnenden Tagesschau-Sprechers, der Zuschauer solle die Nachrichten gefälligst selber lesen.

Marianne Fehr
ist Redaktorin der Zürcher Wochen-Zeitung.
(Stand: 2019)
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