CORINNE SCHELBERT

DESHIMA (BEAT KUERT)

SELECTION CINEMA

Deshima, eine künstliche Insel im Hafen von Nagasaki und nunmehriges Stadtviertel, wird von Beat Kuert als Metapher gehandhabt. Adolf Muschg, Drehbuchautor des Films und Kenner des Fernen Ostens wie dessen literarischer „Verwerter“ (Im Sommer des Hasen, 1965, Baiyun oder die Freundschaftsgesellschafi, 1980), lieferte den ideellen Hintergrund zu diesem „geheimnisvollen Land im Fernen Osten“, das für alle Mitarbeiter des Films im Film „katalysatorische Wirkung“ (Kuert) hat. So fügen sich denn alle Motive der Geschichte zur offenkundigen Konfrontation Ost-West: Der alternde europäische Filmregisseur namens Frank entflieht als Todkranker einem hiesigen Spital nach Japan und nimmt seinen im Krankenhaus als versuchten Selbstmörder getroffenen Schauspieler-Freund namens Patrick mit, auf dass sie in der Ferne Heilung finden. Sie werden dort zusammen einen Liebesfilm drehen, denn: „Nur weil es die älteste Geschichte der Welt ist, ist es noch lange nicht die einfachste.“ Der „aus dem letzten Loch pfeifende Schöpfer“ und die „zum Leben verknurrte Kreatur“ (Muschg) nehmen einen Tonmann und einen Kameramann mit, die Liebesgeschichte soll sich am Ort entfalten. Schauspielschülerinnen präsentieren sich, Patrick verliebt sich wirklich — wenn auch nicht in die gewählte Darstellerin — und der Regisseur findet in den Armen einer japanischen Freundin den Tod. Patrick wird mit diesem unbestimmten Gefühl der Liebe dort bleiben, ebenso der Tonmann, der die ersten zaghaften Töne auf einer japanischen Flöte zu spielen gelernt hat. Das Land der Love- Hotels, der Geishas und Sushis, dieses „Reich der Sinne“, der undurchdringliche Osten hat den mit diesen Klischees, Vorurteilen und Phantasien beladenen Westlern nicht unbedingt gegeben, was sie sich davon versprachen. Kein Film ist entstanden, doch für einige von ihnen kann es den Neuanfang bedeuten.

Beat Kuert ist ein Literaturverfilmer, der mit seinem zweiten Spielfilm Schiiten (1979) Hermann Burgers raffinierte Zerquältheit adäquat umgesetzt hatte, der in seinem viel zu wenig beachteten Film Die Zeit ist böse nach Lore Bergers suizidalem Vermächtnis Der barmherzige Hügel jungmädchenhafte Verzweiflung spürbar machte und mit Martha Dubronski nach Ingrid Puganiggs Desperado-Roman Fasnacht erneut in die Abgründe tiefster seelischer Not stieg. So ist denn Kuert bei aller Feinfühligkeit auf Depressives gleichsam abonniert, von dem er nicht loszukommen scheint. Deshima ist ein programmatischer Film der Verzweiflung, und weil die Darsteller und Darstellerinnen von Kuert so ungelenk geführt werden, weil die Ost-West-Konfrontation so schematisch konzipiert ist, weil das Thema Liebe und Tod so explizit, praktisch in jeder Szene angesprochen ist, bleibt der Film weit hinter seinem hohen Anspruch zurück: Die Sterilität der Bilder, der Musik (Muzak) und Inszenierung straft letztlich das „geheimnisvolle Land“ Lügen. So steht am Ende nicht die Demystifikation, bloss die Ernüchterung, der wir Zuschauer ebenso erbarmungslos ausgesetzt sind wie die Protagonisten.

Corinne Schelbert
lebt, arbeitet und argen sich in Zürich. Redaktorin der Wochen- Zeitung.
(Stand: 2019)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]