CORINNE SCHELBERT

UNE CERTAINE JOSETTE BAUER (ELISABETH GUJER, ULI MEIER)

SELECTION CINEMA

Nach Ansicht der 90minütigen Dokumentation über die legendäre, Anfang der sechziger Jahre des Vatermords bezichtigte und später in den USA des Heroinschmuggels überführte „Hexe von Genf“, fragt man sich, warum eigentlich niemand schon früher auf die Idee gekommen war, sich dieser rätselhaften Gestalt und Opfer der Sensationspresse anzunehmen. Einen faszinierenderen Lebenslauf als den dieser 1961 als Mordkomplizin ihres Gatten zu acht Jahren Gefängnis Verurteilten, die ein paar Jahre später ausbrach und nach geheimnisumwitterten Aufenthalten in Frankreich, Algerien und Spanien 1967 in Miami des Drogenschmuggels überführt wurde und wegen ihrer Kenntnisse der „French Connection“ einen Handel mit der US-Justiz einging, die ihr im Austausch gegen Informationen das Versprechen gab, sie nicht an die Schweiz auszuliefern, nur um, nach einem zweiten Gefängnisausbruch in den USA, dieses Versprechen zu brechen und sie zur Verbüssung der Reststrafe den Schweizer Behörden zu übergeben, einen faszinierenderen Lebenslauf also kann man sich in der Schweiz schwerlich vorstellen. Nicht nur bleibt die Angelegenheit eine Justizaffäre, bei der ein Irrtum zu Lasten der auf unschuldig plädierenden Angeklagten nicht auszuschliessen ist, Josette Bauer ist auch ein klassisches Frauenopfer der von der Boulevardpresse nach allen Regeln der Kunst dämonisierten „femme fatale“, die als „Inkarnation des Bösen“, als „satanische Kreatur“, als „Abenteurerin“ und vergnügungssüchtige „Königin der Nachtklubs“, als Frau mit dem „Engelsgesicht“, die raffgierig den provozierten Gatten anstiftete und „alles dem Dämon Geld opferte“, als „fühlloses Rätsel ohne Reue und Gewissen“ (Originalzitate) einer Rufmordkampagne ohnegleichen anheim fiel.

Das Autorenpaar Gujer/Meier war allerdings auch schon jahrelang hinter dieser Geschichte her und konnte Ende der siebziger Jahre Zeugenmaterial von inzwischen Verstorbenen (wie etwa dem US-Richter Mehrtens, der seinerzeit die Nicht-Auslieferung der Angeklagten anordnete und mit dessen Tod die Verpflichtung skandalöserweise dahinfiel) sichern. Die Aufgabe, einerseits einer ungemein spannenden Justizaffäre auf die Spur zu kommen (Bauers US-Anwalt etwa, der nach ihrer Verhaftung ihre Tasche mit belastendem Inhalt im Schliessfach sichern wollte und daraufhin selber in die Drogenaffäre impliziert wurde, rekonstruiert im Film diesen mysteriösen Vorfall) und andererseits ein Porträt dieser nach wie vor geheimnisvollen, überraschend sympathischen, gleichzeitig hart und schutzlos wirkenden, in allen Facetten schillernden Frau, die nur den Wunsch hat, ungestört als Reitlehrerin (am liebsten in den USA, wohin sie nicht zurückdarf) arbeiten zu können und „ein normales Leben“ zu führen, zu verfassen, ist ihm gelungen, weil sich die beiden in dieser „fragmentarischen Exposition“ jeden Kommentars enthalten, was zwar stellenweise das Verständnis der komplizierten Tatbestände erschwert und die Zuschauer gar zu eigener Detektivarbeit auffordert, aber dieser Josette Bauer ihr Geheimnis belässt. Die Autoren wenden dazu die „schmutzige“ Methode des „cinéma direct“ an, lassen Josette Bauer im Auto auf dem Weg zu oder an den „Tatorten“ selber sprechen, sind ihr auf familiäre Weise ständig auf den Fersen: Man spürt das Vertrauen zwischen Machern und Protagonistin. Und vieles wirkt am stärksten ohne Kommentar, ohne Erklärungs- oder Definitionsversuch. Die Haltung etwa der Josette Bauer gegenüber dem eigens für ein Interview hergeflogenen Chefredaktor von Journal de Dimanche, einem maliziösen Vollprofi, den die Pressegeschädigte zugleich fürchtet und bewundert. Fast ergreifend ihr zuzuschauen, wie sie einerseits nur Liebe und Respekt möchte und zu Scherzen und Lachen bereit ist, andererseits sich zu Härte zwingt, um nicht nochmals, zum tausendsten Mal, in die Falle zu gehen.

Solche Szenen sprechen Bande über den journalistischen Missbrauch, über die Schlauheit des Täters gegenüber seinem Opfer, über die nicht auszuradierende Sehnsucht dieser Frau, geliebt und verstanden zu werden. Die komplexe Information zu den diversen justiziellen Abläufen holen die Autoren mittels den im Off erfolgenden Kommentaren der welschen Tagesschau- Sprecher ein — eine elegante Lösung, die allenfalls bei der deutschen Untertitelung Probleme aufgeben wird. Der Film beginnt mit der vorzeitigen Entlassung Josette Bauers in Hindelbank und führt von da in Umwegen zurück zur auf der berühmten Fotografie wie eine verschüchterte Klosterschülerin auf der Anklagebank sitzenden jungen Frau 1961 in Genf. Elliptisch nähert sich der Film der „Wahrheit“ an, und wenn wir als Zuschauer am Schluss, was die Tatbestände betrifft, so klug sind als wie zuvor, haben wir doch eine Ahnung bekommen vom Schicksal einer Frau, die als „Vatermörderin“ den langen Weg in die ihr oft nicht zugestandene, durch Missbräuche und Erpressungen verhinderte Normalität zu finden versucht hat und noch versucht.

Corinne Schelbert
lebt, arbeitet und argen sich in Zürich. Redaktorin der Wochen- Zeitung.
(Stand: 2019)
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