CORINNE SCHELBERT

CANDY MOUNTAIN (ROBERT FRANK, RUDY WURLITZER)

SELECTION CINEMA

Robert Frank, der seit über dreissig Jahren in den USA (und Kanada) lebende Schweizer Fotograf, ist erst in den letzten Jahren als Prominenz ins hiesige Bewusstsein gerückt; neu aufgelegt wurde auch sein zu den Klassikern der Fotografie gehörender Bildband The Americans. Frank hat — auch hierzulande eine eher unbekannte Tatsache — bereits rund ein Dutzend kürzere und längere Filme gedreht, Filme, die für sich stehen, eine eigenständige Variante der für ihn so zentralen „Beat Generation“-Kunst (mit deren Repräsentanten er auch eng liiert war) darstellen. Mit für die Regie seines ersten Langfilms seit Cocksucker Blues von 1972 zeichnet der in den USA fest etablierte Drehbuchautor Rudy Wurlitzer, mit dem Frank schon früher zusammengearbeitet hat.

There Ain’t No Candy Mountain der ursprüngliche Titel — ist denn auch ein intimer, nach innen gekehrter film with fnends, der für US-amerikanische Verhältnisse erstaunlich wenig Publikumskonzessionen macht. Er ist eine negative success story, ein road movie, der die Unwirtlichkeit von Strasse und Landschaft nie vergessen lässt, sich keinem Rausch des Fahrens — von New York nordwärts in gottverlassene Gegenden Kanadas, durch Schnee und Kälte — hingibt, sondern sich gleichsam in das Elend und Pech des jungen Helden verbeisst. Julius ist ein arbeitsloser Musiker, ein nicht unsympathischer kleiner Mischler, dem die grosse Chance winkt, als ein paar Leute von der Branche auf seinen Bluff hereinfallen und ihn als „Intimfreund“ des legendären Gitarristen und Instrumentenbauers Elmore Silk für eine stattliche Summe auf die Suche nach dem Verschwundenen und seinen wertvollen Gitarren schicken. Julius, diesem reinen Toren, fällt auf der Reise ins Ungewisse alles aus den Händen. Er verliert Freundin, Hab und Gut, muss einmal eine gute Ware für eine schlechtere eintauschen, wird ein andermal als Eindringling in Privatterrain eingesperrt. Und als er endlich auf den Gesuchten stosst, sozusagen am Ende der Welt, ist er so jedes Selbstvertrauens beraubt, dass Elmore Silk diesen kleinen Musiker, der den grossen Coup zu landen glaubte, mit der ganzen Arroganz und Verachtung eines Stars und Branchenkenners abblitzen lassen kann.

Einen „musikalischen road-movie“ nennt Wurlitzer den Film, bei dem Tom Waits ursprünglich Elmore Silk hätte spielen sollen (und nunmehr nur einen kurzen, amüsanten Auftritt als Silks Bruder hat). Mehr noch als von Musik lebt dieser mit sparsamen Dialogen auskommende Film von den Bildern Pio Corradis, der ganz im Sinn und Geist von Frank eine Poesie in der Hässlichkeit und Kargheit der Landschaft findet. Sparsam sind die lakonischen Dialoge, sparsam bis zur Grenze der verstummenden Kommunikation sind auch die Begegnungen Julius’, der auf dieser Odyssee von den Menschen etwas lernen sollte. Wenn der Darsteller Kevin J. O’Connor nicht mit seinem ganzen Charme und seiner darstellerischen Differenziertheit aufwarten würde, konnte dieser negative Held dem Publikum fast zu viel werden, führte seine Torheit und Unbelehrbarkeit an die Grenze des Erträglichen. Denn die beiden Autoren haben offensichtlich wenig Sympathie für ihn, ebenso wenig wie sie es für die Musikbranche haben, die mit wenigen Strichen als erbärmlich in Kommerz und abgewetztem Glamour versackte Institution gezeigt wird. Ob Punk oder Country Blues, die Liebe der Autoren zur Musik ist evident, aber evident ist auch ihre Nostalgie, ihre Rückwärtsgewandtheit, die diesen Film merkwürdig unaktuell werden lässt, vom Hauch der „Sixties“ umweht, ganz den Blickwinkel Elmore Silks einnehmend, der vor zehn Jahren die Nase voll von der Branche hatte und sich in die Einsamkeit Kanadas zurückzog. So wird der „Candy Mountain“ zum Abgesang auf die gute alte Zeit der explodierenden Musikalität, wird implizit zur Kritik an der jungen Generation, die nichts gelernt hat und nichts lernen will. Ein etwas säuerlicher Ton durchzieht diesen Strassenfilm, in welchem die Komik manchmal so kurz aufblitzt, dass sie Uneingeweihte, mit Robert Franks Understatement nicht Vertraute, völlig zu verpassen riskieren.

Corinne Schelbert
lebt, arbeitet und argen sich in Zürich. Redaktorin der Wochen- Zeitung.
(Stand: 2019)
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