JÖRG HUBER

L’AUTRE SUISSE (ALVARO BIZZARRI)

SELECTION CINEMA

Dies ist der dritte Schweizer Film — neben My mother is in Sri Lanka von Legnazzi/Neuenschwander und Asyl, Die Schweiz — das Nadelöhr von Hans Stürm —, der sich im Jahre 1987 mit der sogenannten Asylanten-Frage auseinander setzt. Das Thema macht ihn denn auch im politischen Kontext dieses Landes wichtig und notwendig — die Art, in der Bizzarri die Problematik angeht und filmisch umsetzt, wirft jedoch Fragen auf. Die Absicht des in Biel lebenden Italieners war es, mit dem Film einzufangen, was er in seiner näheren Umgebung wahrnimmt: Bilder von Protest-Umzügen, Demonstrationen, kurze Interviews mit asylsuchenden, von der Ausschaffung bedrohten Familien und dem Berner Arzt Zuber, einer zentralen Figur der AAA („Aktion für abgewiesene Asylbewerber“) und Ausschnitte aus Arbeitssitzungen einer Bieler Gruppe, die sich für die (Menschen-)Rechte der Asylanten in der Schweiz einsetzt. Obwohl die Haltung und das Engagement von Bizzarri im Film in ihrer Eindeutigkeit klar vermittelt werden, bleibt die filmische Arbeit in bezug sowohl der Analyse der konkreten Situation in der Schweiz wie auch in der Befragung der Betroffenen und der sich für diese Engagierenden einer zu impressionistisch erscheinenden Spontaneität und Unmittelbarkeit verhaftet. Bizzarri war, was die Lage in der Schweiz anbelangt, nur beschränkt informiert — so wusste er etwa nicht, dass in der Zeit, in der er seinen Film drehte, an verschiedenen Orten in diesem Land sogenannte banquets républicains stattfanden. Er wollte weder in den politischen Kampf eingreifen noch gezielt Informationen vermitteln, sondern nur, so Bizzarri, zeigen, was er mit seinen eigenen Augen sah. Entsprechend bleiben seine Fragen immer im Ansatz und die Bilder in einem ersten Augenschein stecken. Assoziativ sprunghaft und impressionistisch ist auch die Montage: der Film pickt von hier und dort etwas auf — und lässt es damit bewenden. So bleibt es denn auch fragwürdig, wie und wo dieser Film gezeigt und „eingesetzt“ werden könnte. Direkt ärgerlich ist der Beginn des Films: In schwankartig inszenierten Sketchs zeigt Bizzarri drei Asylsuchende — dümmlich naive Menschen —, die von zwei Vertretern der Fremdenpolizei — lächerliche Pappfiguren — abgewiesen werden. Der Regisseur wollte damit dem tragischen Gewicht der Problematik etwas an Schwere nehmen, wollte etwas Lockerheit in die Sache bringen. Die Frage, ob das notwendig ist und auf diese Art gemacht werden soll, muss klar verneint werden. Bizzarri drehte diese Arbeit mit Video (anschließend auf 16 mm umkopiert) und erhielt, trotz intensiven Suchens, keinen Rappen. Auf diesem Hintergrund beeindruckt das persönliche Engagement zusätzlich, doch kann es die mangelnde politisch analytische und filmisch ästhetische Stringenz nicht entschuldigen.

Jörg Huber
1948, Kulturjournalist und -publizist (Film, Fotografie, Architektur, bildende Kunst), Mitherausgeber von CINEMA, Dozent an der Kunstgewerbeschule Zürich, lebt und arbeitet in Zürich.
(Stand: 2019)
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