MARLIES GRAF / BEATRICE LEUTHOLD

DIE DRITTE WELT — DIE NAMENSGEBUNG SAGT ALLES

ESSAY

• Wie haken Sie es aus, nicht mehr in Afrika zu leben?

• Das frage ich mich auch die ganze Zeit. Ich werde eine Lösung suchen müssen, denn lange ertrage ich Paris nicht mehr, mit all seinem Stress, der Oberflächlichkeit, der Heuchelei, der Übersättigung durch die Bilderflut.

Wer in einem europäischen Kontext schreibt, wer durch die europäische Literatur genährt wurde, schreibt in einem Kontext der Angst. Europa ist von Angst gepackt: die Kriege, die Konzentrationslager, die Nuklearraketen, die Verbetonisierung; der Verlust der Identität, der Verlust der Vitalität, die Angst, eine blosse Nummer zu werden. Und die neuen Kommunikationsmittel haben die Kreativität zusätzlich gelähmt.

Breyten Breytenbach, in Tages Anzeiger, 28.4.87

Beatrice Leuthold: Marlies Graf und ich lebten anfangs der achtziger Jahre drei Jahre lang „Tür an Tür“ in Zürich. Wir waren Zeugen der Eruptionen in dieser Stadt, ihrer brutalen Niederschlagung, der danach einsetzenden Kälte; waren auch im Alltag einander Zeugen. Die Nähe war gut und notwendig, Not-wendig. Meine Lebensumstände hielten mich in Zürich fest, Marlies war der mobilere Teil. Sie war unterwegs in vielen europäischen Ländern, wohin sie ihre Filme begleitete, wurde nach Algerien und nach New York eingeladen, unternahm eine Reise nach Thailand zur Vorbereitung eines neuen Projektes. Ihre Heimkehren mündeten in nächtelange Gespräche, sie brachte das Fremde nach Hause, ich berichtete über das Fremde hier. „Unser Haus“ wurde hochkarätig renoviert, ich zog nach Gossliwil, Marlies in ein anderes Quartier. Vorjahren hatten wir zusammen ein offizielles Gespräch über ihren Film Die Bauern von Mahembe (1974) geführt. Meine Idee war, da wieder anzuknüpfen und abzutasten, was in den Jahren danach vor sich gegangen war, was heute ist. Damals wie heute fiel es uns schwer, ein Gespräch zwischen uns im Hinblick auf Verwertbarkeit zu haben. Die Pausen, das Schweigen, das Lauschen auf den prasselnden Regen draussen, das Sein in einem vertrauten Raum, das Austauschen von Blicken, eine zustimmende Gebärde und die abwehrende, wie wäre das umzusetzen — und doch geschieht in diesen Dingen zwischen den Worten Wesentliches. Macht es nicht die Faszination des Films aus, dass Widersprüchliches, Nicht-Verbales, Mehr-Dimensionales dargestellt werden kann? sagte Marlies Graf. Hier nun die Worte, einige Wortfelder.

Über das Zusammentreffen von Verschiedenheit, geteiltem Anderssein, Glück

Marlies Graf: Was sich in Mahembe ereignete, erlebte ich bereits in einem sizilianischen Dorf während der Dreharbeiten zu Buseto (1974, zusammen mit Remo Legnazzi). Wir kamen als Fremde und begegneten Vitalität, Gastfreundschaft, Nähe, Zuwendung, Neugierde. Ich konnte im Kontakt mit diesen Menschen auch eine andere sein. Hier engen mich „unsere“ Gesetze, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen ein. Dass der überwiegende Teil der Menschheit anders lebt, wusste ich, doch in Afrika konnte ich es in grosser Intensität selbst erfahren. Arm sind diese Menschen, sehr arm und abhängig, u.a. von den Rohstoffpreisen, die nicht sie fest legen können. Und doch, Afrikaner können lachen. Ich begegnete einer Lebensfreude, aber auch einer Ernsthaftigkeit, die eine ganz andere ist als die unsere. In Mahembe begann vieles in mir aufzubrechen. Eigene Wünsche, eigene Träume, sie wurden wichtiger als die mir fremden meiner eigenen Umgebung. Und dieses Lachen, ich möchte es nie vergessen. Hätten aber diese, meine ersten Eindrücke das Thema des Films bestimmt, es wäre ein schreckliches Idealisieren gewesen.

B. L.: Meine Nachbarinnen in Gossliwil, Bäuerinnen, waren „häusliche Frauen“. Häuslichkeit im städtischen Kontext war mir immer zuwider, ich wehrte mich gegen Domestizierung, eine Falle war das, was mir ja auch in frühen Jahren von berufener Seite bestätigt worden war. In Gossliwil wurde ich anfällig, meine Nachbarinnen zu bewundern, vielleicht sogar zu beneiden. Ihre Häuslichkeit bedeutete Verantwortungsbewusstsein, spielte sich in einem weiten Aktionsradius ab, brachte Ansehen, ja Macht. Bewunderung kann viel, alles verderben, schafft neue Barrieren. Ich musste mich immer wieder zurückrufen, meine Imitationsversuche belustigten mich, zeigten aber die Richtung an, in welcher meine geheimen Träume liefen. Am besten war es, wenn ich die beiden Realitäten nebeneinander hergehen liess, die Verschiedenheiten wahrnahm, offenblieb für alles, was danach sich ereignen konnte. Wenn ich heute zurückgehe, aus der Stadt wiederum herkommend, an den Küchentischen der Bäuerinnen sitze, hat sich das gegenseitige Akzeptieren eingependelt. Unbefangenheit stellt sich ein, die nichts anderes ist als Glück.

Seit einiger Zeit wohnt Türkan, eine junge kurdische Frau, mit ihrer Familie unter dem gleichen Dach wie ich. Sie zog ein mit einigen Koffern, wenige Möbelstücke kamen zusammen innerhalb des Hauses. Am Abend hingen an allen Fenstern Vorhänge, ein Brot war gebacken, Fotos waren an den Wänden befestigt, die Betten angezogen, die Kinder, frisch gebadet, turnten lachend in der neuen Umgebung herum, heisser Tee stand für jeden Eintretenden auf dem Tisch bereit. In einer ziemlich verzweifelten Situation war es ihr innerhalb von Stunden gelungen, für ihre Nächsten ein Zuhause zu schaffen. Am folgenden Tag kam ich von der Arbeit nach Hause, missmutig, unzufrieden. Türkan sagte: „Du arbeiten? Arbeit — schön, viel Arbeit — sehr schön.“ Nachts träumte ich, ich wäre in einem fremden Hotelzimmer; es war gut. Ich hatte nichts anderes bei mir als einen handgrossen Turm aus dunklen Hölzern. Nach einem bestimmten Plan waren die Hölzer zusammengefügt, ein zentrales Holz hielt alles zusammen. Plötzlich drang eine Invasion von Leuten bei mir ein, sie redeten, tranken, begrüssten mich überschwenglich. Ich hatte nicht den Mut, sie wegzuschicken. Als sie sehr spät nachts endlich gingen, konnte ich den Holzturm, der auseinandergebrochen war, nicht mehr zusammensetzen. Das zentrale Holz fehlte und war nicht mehr aufzufinden. Mit der Zeit begriff ich, was es mit der Häuslichkeit auf sich hatte. Der Neid ging um das „Bei-sich-Sein“, nicht um irgendwelche andern Lebensumstände.

M. G.: Meine besten Momente mit Schwarzen, mit den Leuten in Algerien, im Diemtigtal, wo auch immer, erlebte ich, wenn „meine Hölzer“ und die ihren je beieinander waren. Es ist ein Missverständnis, dass der andere, der Fremde, dir ein Holz aus seinem Turm geben kann, damit dir deine Konstruktion besser gelingen möge. Das Zusammensein, ja der Glücksfall, wenn es für beide Seiten stimmt, hilft mir aber, meine Stücke und Stückchen zusammenzuhalten.

Filmemachen dort und hier

M. G.: Hier leben, hier sein, es ist schwierig, dieses „Bei-sich-Sein“. Also suchen wir es im Fremden, in der Fremde — je fremder desto besser. Je genauer ich aber in der Fremde hinschaute, desto mehr sah ich, dass ich diese Menschen letztlich nur meinen Wünschen entsprechend interpretierte. Negatives wollte oder konnte ich nicht wahrnehmen, und wenn ich mich wirklich mit ihnen auseinandersetzen wollte, musste ich sehr rasch einsehen, dass mir das andere noch sehr, sehr fremd war, in Afrika, in Thailand, in der Türkei. Ich traf hier muslimische Frauen und reiste zweimal für längere Zeit, im Hinblick auf das Projekt In der Fremde..., in ihre Heimat. Beispielsweise das Kopftuch der Muslimin, es bedeutet für uns westliche Frauen „Unterdrückung“. Was bedeutet es aber der türkischen Frau, die es trägt, die es vielleicht sogar aus eigener Entscheidung trägt? Ich muss mich annähern, verstehen lernen, hinter meine eigenen Interpretationen schauen. Gibt es da vielleicht etwas Ungeahntes zu entdecken?

Du hast mir von Türkan erzählt, wie sie verheiratet wurde nach alter Sitte, ohne ihren Bräutigam je gesehen zu haben. Du schilderst sie als autonom, ruhiger und sicherer unter den schwierigen Bedingungen des Exils als ihr Mann. Ich will nichts beschönigen, die Kopftücher schrecken mich noch immer. Bin ich in der Türkei zu Gast, serviert die Frau, schaut zu Boden, streift mich vielleicht kurz, aber sicher nicht meinen Begleiter. Folge ich aber den Frauen in die Küche, so erlebe ich eine Fröhlichkeit und Eigenständigkeit, die wir bei uns kaum kennen.

In Istanbul ging ich in den Zoo, beim Topkapi. Die Raubtiere wurden gefüttert mit grossen, blutigen Fleischstücken. Die Zuschauer drängten sich vor den Gittern. Die Raubtiere waren: Löwen, Schäferhunde, Pudel, Schnauzer, Boxer. In den Strassen von Istanbul sieht man keine Hunde.

Selbst wenn ich mich sehr lange an einem Ort aufhalte, bleibe ich der westliche Mensch, beladen mit einem schweren Rucksack westlicher Kultur und Tradition, und vor allem habe ich die Wahl wieder wegzugehen. Ich möchte Kulturen begegnen, und ich habe auch grosse Sehnsucht, in „fremde Länder“ zu reisen. Was ich in einem Film zur Darstellung bringe, wird jedoch durch meine Wahl und meine Sicht bestimmt. Es sind Versuche der Annäherung. Verbindliche, fixierende Aussagen über das Fremde machen mir Angst. Allzu oft erlebe ich es selbst, wie weh es tun kann, wenn solche Interpretationen meiner Person gemacht werden; wie sie Missverständnisse zementieren, wie sie ein Gespräch, eine Beziehung zerstören, wie sie Fronten aufbauen können. Wenn das andere, das Geheimnis im andern, nicht festgelegt und damit zerstört wird, kann in mir ein Raum offenbleiben, Schlüssel zu Neuem.

B. ¿..’Die Kurdin, Türkin, Muslimin hier. Suchen wir etwa Berührungspunkte, weil wir ähnliche Situationen zu kennen glauben wie die, die sie hier — in weit stärkerem Mass als wir —■ erleben? Den Druck, sich anpassen zu müssen, Widerstand dagegen, Orientierung in einer nach männlichen Normen funktionierenden Berufsweit, Suche nach Identität, Aufhebung der Zerrissenheit in glücklichen Momenten des Zusammenkommens, des Verstehens? Fühlen wir uns den Fremden hier näher als in ihren Ursprungsländern?

M. G.: Bestimmt bin ich ihnen hier näher, und sie kommen hier in ähnliche Zwänge wie wir, aber ich möchte jede Anbiederung vermeiden. Wir sind im Vergleich sehr reich und unsere Anpassungsprobleme ein vielfaches kleiner. Die Gefahr ist immer gross, voreilige Parallelen zu ziehen, auf vermeintliche Gemeinsamkeiten zu setzen. Wir haben die Tendenz, Antworten zu suchen. Das ist nichts anderes als der Versuch, die Dinge in den Griff zu bekommen. Wir fixieren — und töten damit. Wir suchen unter Vorwänden neue Paradiese, neue Nischen, aber im Grunde wollen wir im anderen wieder nur eine Ordnung finden, nicht die unsere, aber eine Ordnung soll es sein. Und Sicherheit. Wenn es mir schlecht geht, habe ich Sehnsucht nach Ordnung und Sicherheit. „Glücklichsein“ — es lebt in der Auseinandersetzung. Intensität ist da, wo alles Erstarrte auseinanderbricht, alles in Bewegung gerät. Intensiv leben, mit allen Sinnen zu wissen suchen — nicht analysieren —, das interessiert mich.

Spannend wäre, wenn wir wüssten, was die Menschen aus der Dritten Welt bei uns filmen würden.

B. L.: Ein Kollege hatte nach mehreren Aufenthalten in Afrika ein Projekt, das eine solche Austragung mit gleichen Mitteln anvisierte. Er wollte in Senegal das Leben und die Arbeit in einer Bierbrauerei, Niederlassung einer Schweizer Firma, filmen; ein schwarzes Team sollte seinerseits einen Film in der hiesigen Brauerei drehen. Die Chancen der Realisierung standen von hier aus gesehen recht gut. Die schwarzen Filmemacher, denen er das Projekt in Senegal erklärte, hörten aufmerksam und höflich zu, bedeuteten ihm aber, dass sie im eigenen Land weit Wichtigeres zu tun hätten, was mein Kollege durchaus einsah. Er liess das Projekt fallen.

M. G.: Das ist vielleicht auch ein guter Gedanke, dass wir für die anderen nicht so interessant sind, wie wir uns ständig vormachen.

Marlies Graf
ist freie Filmschaffende, lebt in Zürich.
(Stand: 2019)
Beatrice Leuthold
1944, Filmjournalistin und -publizistin, Autorin (Mutterraben, Briefe an Michael und Silvan, Erzählungen, 1980), Coautorin bei den Filmen Lieber Herr Doktor, 1977; Gossliwil, 1981/85; lebt und arbeitet in Zürich.
(Stand: 2019)
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