ROLAND COSANDEY / MARIANNE FEHR

FILM UND UNIVERSITÄT

ESSAY

Filmwissenschaft oder-theorie als Universitäts-Studium existiert in der Schweiz noch nicht, obwohl hier und da und immer wieder danach gerufen wird. Im Kanton Zürich liegt beispielsweise eine parlamentarische Eingabe trotz positiver Beantwortung durch die Regierung seit zwanzig Jahren auf dem (sprichwörtlich zürcherischen) Eis. In Lausanne und Fribourg zeigen sich Ansätze. Die Autoren, die darüber berichten, haben diese Ansätze selbst erlebt und die Entwicklung der betreffenden Hochschulinstitute auch nach ihrem Studienabschluß verfolgt. (Die Redaktion)

Eine Taktik ohne Strategie?

Im Dezember vergangenen Jahres widmete die Zeitschrift Uni-Lausanne, herausgegeben vom Presse- und Informationsdienst der Universität Lausanne, ihre Nummer 45 hauptsächlich dem Thema „Film und Universität“.

Das Editorial des Vize Rektors Pierre Ducrey schloss mit den folgenden Worten: „Der Entwicklungsplan der Universität hat die baldige Schaffung eines Film-Unterrichts vorgesehen. Der Leser wird im folgenden Hinweise über die möglichen Ausrichtungen dieses Unterrichts erfahren. Eines ist sicher: Er wird breit gefächert über mehrere Fakultäten stattfinden. Seine Vielfalt macht den Film zu einer interfakultären Disziplin. Film ist gleich Universität.“

Die Publikation stiess auf ein besonders lebendiges Interesse in den Medien und hallte nicht nur in der Westschweiz, sondern auch in der deutschen nach, obwohl die zehn einschlägigen Aufsätze ein solches Echo eigentlich nicht rechtfertigten. Tatsächlich ging keiner der Beiträge direkt auf die mit dem Projekt aufgeworfenen Probleme ein. Mit einer Ausnahme, dem Grundsatzartikel eines Historikers, der seit langer Zeit mit methodischen und praktischen Aspekten im Zusammenhang mit Arbeiten über den Film konfrontiert ist.

Die Mehrzahl verbreitete sich über die Resultate sehr punktueller Arbeiten oder berichtete über beschränkte Erfahrungen und skizzierte in der Form des frommen Wunsches oder der Hypothese eine mögliche Weiterentwicklung. Alte und moderne Geschichte, Literatur, Pädagogik und Kommunikationssoziologie, Marketing und Recht vermischten unter dem selben Titel grundlegend verschiedene Realitäten und unvereinbare Beschäftigungsweisen mit der komplexen Sache.

Die Heterogenität veranschaulichte höchstens den Beweis, dass „der Film“ (was auch immer mit dem Begriff bezeichnet wird) schon ein akademischer Gegenstand war, und dass ihm nur ein formaler Anspruch fehlte, genau jener eines institutionalisierten Unterrichts.

Man sieht den Sinn des Unternehmens, der ein taktischer zu sein scheint: Es geht darum, für etwas einzustehen, was keineswegs erreicht worden ist. Die Begeisterung der Medien ist nichts anderes als die Kehrseite der tiefgreifenden Reserve, die es zu überwinden gibt, um einen Film-Unterricht auf akademischer Stufe durchzusetzen. Wenn die Publikation zum Ereignis geworden ist, dann wegen eines hartnäckigen Sicheinlassens auf die Frivolität oder doch mindestens die Unterhaltung, die mit dem Film verbunden ist: Die Akademie schickte sich an, sich mit einem Bereich zu befassen, der per definitionem zu einer anderen Ordnung, zum „Leben“ vielleicht, gehört. Denn,,le cinéma c’est la vie“, wenn man den Werbesprüchen glauben will. Ein altes anti-intellektuelles Vorurteil, kultiviert von einem grossen Teil der Intelligentsia (worunter die Journalisten an erster Stelle), lässt sich im Interesse der Medien für das Lausanner Projekt erahnen. Die Studenten selbst sind davon nicht frei, wenn sie glauben, dass der Film, dem sie als Liebhaber zugetan sind, die Akademie entakademisieren könnte, und zwar durch die einzige Tugend des Films, Film zu sein, und nicht mittelalterliches komisches Theater oder hellenistischer Roman.

Dieses Uberschäumen, dessen Nutzen nur schwer gemessen werden kann, zeitigte als Resultat die bei solchen Gerüchten charakteristische Desinformation: Die Öffentlichkeit, das heisst jedermann bis hin zu mehr oder weniger entfernt an der Frage Interessierten, ist davon überzeugt, dass die Universität Lausanne jetzt einen Film-Unterricht anzubieten hat, und dass es sich um einen Lehrstuhl handelt. Doch die Wirklichkeit sieht ganz anders aus.

Es geht tatsächlich um ein Projekt im Entwicklungsplan der Universität, wie es das oben zitierte Editorial sagt. Auf die immer häufigere Beschäftigung mit dem Film in verschiedenen Studienrichtungen, auf eine Jahr für Jahr von den Studenten formulierte Forderung, auf die Existenz der Cinémathèque Suisse schliesslich eingehend, hat die Universität einen Budgetposten für Film-Unterricht eingeplant. Der Zeitpunkt wird gerechtfertigt durch einen konkreten Anlass, die Inbetriebnahme neuer Lokalitäten im Gebäude 2 der Geisteswissenschaften und die Möglichkeit, es mit den erforderlichen technischen Apparaturen auszustatten.

Im Dezember 1986 wird der Kantonsrat das Gesamtbudget der Universität beraten. Ohne dass die einschlägigen Punkte unbedingt diskutiert werden müssen, entscheidet sich hier die Verwirklichung oder die Aufgabe des Projekts eines Film- Unterrichts, der im übrigen im Moment nicht zuoberst auf der Prioritätenliste steht.

Angenommen, der Rat schlucke das Budget und erlaube so die Konkretisierung des Projekts, nimmt sich die Universität vorsichtigerweise eine erste Etappe mit der Schaffung eines Extraordinariats (kein ganzes, nur ein teilzeitliches) vor, das heisst zwei Stunden pro Woche, etwa sechzig pro akademisches Jahr. Die Stellung dieses Unterrichts wird, in diesem Stadium, die eines Nebenfachs sein, wie an der Uni Lausanne etwa die Spezialwissenschaften Paleographie, die Numismatik oder die Epigraphie.

Zur Zeit ist kein Pflichtenheft formuliert, nicht einmal das Inventar der nötigen technischen Apparaturen und der Administration. Die in der literaturwissenschaftlichen Fakultät gebildete Kommission wird sich sputen müssen, falls der Kantonsrat Grünes Licht geben sollte. In diesem Falle ist die Ausschreibung für den 1. September 1987 vorgesehen, und der Unterricht begänne im Wintersemester 87/88...

Wir sind also von einem ordentlichen Unterricht noch weit entfernt. Das Projekt entspricht einer Minimallösung, die von einer zweifellos legitimen Vorsicht diktiert ist.

Prinzipiell sollte alles langfristig angelegt sein auf die Schaffung einer autonomen Disziplin, aber ich bin von der Existenz einer solchen Strategie nicht überzeugt. Das Hauptwort der Diskussion, der interdisziplinäre Charakter nämlich, geht nicht über die banale Vorstellung hinaus, dass mehr als ein Fach sich für Film interessieren können. Schlimmer noch: Vor allem ist die Rede vom Film als Hilfsmittel, und ich zweifle daran, dass es sich dabei um eine rein taktische Überlegung handelt. Es will mir sogar scheinen, dass die einzige ins Auge zu fassende Legitimation jene der Instrumentalisierung des Films, seiner Nützlichkeit für die anderen Fächer ist.

Es besteht kein Anlass, die Kleinheit des Projekts zu beklagen. Zwei Unterrichtsstunden sind besser als keine. Beklagt werden muss das Fehlen einer eigentlichen Perspektive. Trotz allen Beteuerungen und der erklärten Absicht, den Grundstein zu legen, ist das zukünftige Gebäude bereits unterminiert von den „epistomologischen“ Voraussetzungen, die das ursprüngliche Projekt in mehr oder weniger konfuser Weise leiten. Wenn man die Nummer 45 von Uni-Lausanne als ein Ganzes von Andeutungen liest, und alles lädt dazu ein, vom Editorial bis zum Zeitpunkt der Publikation, muss man einsehen, dass jede beliebige Universität heutzutage mitziehen könnte, und dass das alles nichts zu schaffen hat mit der lauthals deklarierten Originalität, die man dem Lausanner Vorhaben zuschreiben will.

Das zentrale Problem ist jenes der Kompetenz, und es ist symptomatisch für die noch bestehende Distanz zwischen Universität und Film, welches auch immer die Gründe dafür sind. Ihre Folgen drohen schwerwiegenden Einfluss auf die Definition des Pflichtenhefts und die Ausschreibung des Lehrstuhls zu nehmen. Man kann heute bereits die Konsequenzen der Tatsache sehen, dass der Film zum Hilfsmittel verschiedenster Lehrfächer degradiert wird, und dass konsequent vermieden wird, die Autonomie des Fachs Film zu behaupten.

Aber — wie es der einzige angemessene Beitrag in dem Heft beweist — die Bezugnahme auf den Film als Hilfsmittel setzt seine Anerkennung als autonomen Zweig der Wissenschaft voraus, und zwar in der Form eines Unterrichts der Filmgeschichte wie zum Beispiel mit gleichem Recht der Kunstgeschichte.

Weil eine solche prinzipielle Position nicht von allem Anfang an klar und deutlich formuliert worden ist, droht sich unseres Erachtens gleichzeitig der instrumentale Wert des Films für andere Fächer und die vernünftige Entwicklung eines ordentlichen normalen Unterrichts zu kompromittieren. Und das heisst: die einzige vorstellbare Form, um aus der Uni Lausanne jenen einzigen integralen Ort des akademischen Filmunterrichts zu machen, was man sich fest vorgenommen hat.

Elemente einer akademischen Bibliographie (Dissertationen und Lizenziatsarbeiten) der Universität Lausanne von 1950 bis 1986:

Rechtswissenschaftliche Fakultät:

Lucy Willemetz: Les Registres publics de la cinématographie, 1970 (Diss.).

Henry Rosset: La censure cinématographique en Suisse, 1979 (Diss.).

Pierre-Olivier Wellauer: L’œuvre cinématographique en Suisse, 1981 (Diss.).

In diesem Zusammenhang müssen auch noch zwei weitere Titel genannt werden:

Dominique Diserens, Blaise Rosten: Cinéma, Radio et télévision, 1984 (Collection droit et vie economique).

Verschiedene Autoren: Aspects du droit des médias, 1983/84 (Editions universitaires, Fribourg; 2 Bände).

Literaturwissenschaftltche Fakultät:

Roland Cosandey: L’Age d’or de Luis Bunuel: découpage intégral du film et analyse du récit, 1975 (Liz.). Französisch in Les Cahiers de la Cinémathèque (Perpignan), Nr. 30/31, 1980, italienisch in Metropolis, Mailand 1978.

Bernard Gasser: Le Ciné-Journal suisse 1945, 1977(Liz.). Französisch in Travelling 53/54, Lausanne 1978.

Fabienne Richard: Essai d’analyse du „Genou de Claire“ d’Eric Rohmer, 1978 (Liz.).

Yves Tenret: Histoire de la critique, un exemple: Les Cahiers du Cinéma de 1951 à 1958,1978 (Liz.).

Patrick Conscience: La scène morcellée. Notes pour une théorie du montage cinématographique standard, 1979 (Liz.).

Cristina Sparagana: Pirandello e il cinema, 1984 (Liz.).

Thierry Borel: Swiss life: ou la réalisation d’un film vidéo dans le cadre d’un cours de géographie, 1984 (Liz.).

Daniel Bovard: L’Allégement. Un livre, un film, 1984 (Liz.).

Soziale und politische Wissenschaften

Peter H. Lemm: Le cinéma, moyen de propagande politique dans les dictatures, de 1933 à 1945, 1964 (Liz.).

Tomas Bort, Vera Novotna: Film-spectacle à travers James Bond, 1974 (Liz.).

Christian Dimitriu: Le cinéma suisse: le cas d’Alain Tanner, 1978 (Liz.).

Die einzigen akademischen Arbeiten (abgesehen von den juristischen), die in Lausanne, allerdings am Rande der Universität, erschienen sind, stammen von Rémy Pithon, Geschichtslehrer am Gymnasium und Lehrbeauftragter an der Ecole de Français moderne, Wahlfach „Analyse der Filmsprache“. Wir nennen einige wenige.

Remy Pithon:

• Le film comme document historique et sociologique, in Revue Europenne des sciences sociales, Genf 1973

• Cinéma et recherches historiques, in Revue Suisse d’histoire, Nr. 24, 1974.

• L’historien face au film, in Education 2000, Paris 1981.

• Clio dans les studios: la règle du jeu, in Les Cahiers de la Cinémathèque (Perpignan), 1982.

• Film — histoire — société, in Revue Suisse d’histoire, Nr. 36, 1986.

(R.C., aus dem Französischen von Martin Schaub)

Audio-visuelle Ausbildung in Fribourg

Von einer Ausbildungsstätte, an der so brisante Abschlussarbeiten gedeihen wie Zur Situation der schweizerischen Kirchenzeitung nach dem zweiten Vatikanum (1969), Rezipientenanalyse der Verbandszeitung „der Samariter“ (1983) oder Das Motorradin den Printmedien kann nichts Gutes kommen — sollte man denken.

Zumal noch der jetzige Direktor des 1964 mit dem bescheidenen Namen „Seminar für Journalistik“ gegründeten und heutigen „Institut für Kommunikationswissenschaft“ an der Universität Fribourg, Louis Bosshart, 1973 über die Motive der Vornamensgebung im Kanton Schaffhausen von 1960-1970, untersucht an sechs Gemeinden dissertierte (es dürften in dieser Periode einige schaffhausische Adölflis weniger als vor dem 2. Weltkrieg entstanden sein). „Ziel des Institutes ist die Aus- und Weiterbildung von Journalisten für die tages-aktuellen Medien Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen, Film und Neue Medien sowie die wissenschaftliche Bearbeitung von Problemen der Massenkommunikation“, heisst es in der offiziellen Studienumschreibung ein bisschen keck. Denn eine umfassende Ausbildung kann Fribourg niemals leisten — weder in wissenschaftlicher noch in praktischer Hinsicht. Dafür ist das Angebot zu mager, die Zeit (vier Semester) zu knapp, sind die Dozenten (Teilzeit-Dozenten) zu selten „Kapazitäten“. Doch das Selbstverständnis des Instituts als Vermittler von gutem, alten Medienhandwerk und -wissen — früher christlicher, heute liberaler Prägung — macht diesen Lehrgang auch wieder sympathisch, im Vergleich etwa zum Trendsetter-Anspruch eines Medien-Ausbildungszentrums (MAZ) oder den konfektionierten Nachwuchsbeschaffungs-Abteilungen der Medienkonzerne Jean Frey und Ringier. Und es gibt am Institut ja auch die Möglichkeit, dem Maletzke’schen Feldschema der Massenkommunikation (Kommunikator — Aussage — Medium — Rezipient) zu entfliehen. So man will. Allerdings sei in den letzten Jahren „die kritische Potenz bei den Studierenden merklich zurückgegangen“, sagt Stephan Portmann.

Geführt werden eine deutsch- und eine französischsprachige Abteilung, beide wieder unterteilt in verbale Medien (Presse und Radio) und optische Medien (Film und Fernsehen). An der philosophischen und der theologischen Fakultät ist Journalistik als Nebenfach belegbar, seit das Institut einen ordentlichen Professor hat. Ein Grossteil der Absolventinnen jedoch sind Hörerinnen, die mit einem Zeugnis abschliessen, Leute, die sich Grundwissen aneignen möchten, um später in den Medien zu arbeiten. Obwohl sie sich meist stärker fürs Studium engagieren, ist das Institut mehr auf „richtige“ Studentinnen aus: Ausführliche Aufnahmegespräche, Zwischenprüfungen nach einem Jahr, die Einführung von Aufnahmeprüfungen in den nächsten Jahren sollen u.a. den Hörerinnen-Anteil in Grenzen halten. Durchschnittlich 110 Studentlnnen/Hörerlnnen (in der französischsprachigen Abteilung 70) absolvieren die Kurse, abgeschlossen wird jedoch weit seltener.

An der französischsprachigen Abteilung lehrt der Franzose Roland Camboulives Filmkunde, ein Schüler des altershalber zurückgetretenen Filmtheoretikers Henri Agel. Seine eindreiviertel Stunden pro Woche fasst Camboulives zu einem Filmtag pro Monat zusammen, an welchem ein Film visioniert und unter bestimmten Gesichtspunkten analysiert und diskutiert wird (z.B. Die Psychoanalyse im Film, Verlorenes Paradies — romantisierende Tendenzen im Film, Die Entwicklung des Frauenbildes).

Uber Film/Fernsehen sind bis heute lediglich zwölf Abschlussarbeiten geschrieben worden: Von der Entwicklung des Kinos in Schwarz-Afrika, der Geburt des Kinos in arabischen Ländern, der Bestandsaufnahme des griechischen Radio- TV-Systems — der französischsprachige Kurs wird von vielen ausländischen Studenten besucht — bis zu drei neueren Studien, bei denen auch mit Video gearbeitet wurde (François Emmenegger: Realisation d’une cassette vidéo comme outil pédagogique destiné à l’enseignement du cinéma dans le cycle secondaires und Helvetiastrasse von Peter Prazak, Documentaire vidéo sur les demandeurs d’asile du Chili, de Turquie et du Zaïre).

Eine grosse Anziehungskraft in der deutschsprachigen Abteilung übt der ideolo- gie- und medienkritische (Frankfurter) Ansatz von Stephan Portmann, designierter Geschäftsleiter der Solothurner Filmtage und Medienpädagoge, aus. Ein Dozent nota bene, dem schon aller Gattung Assistenz zugeführt worden ist, vom Computerspezialisten bis zum Agrarwissenschaftler mit Spezialkenntnis der Schweinezucht im Kanton Fribourg. Pro Semester führt Portmann eine rund 50stündige Film- und Fernsehwoche durch (A-Veranstaltung) plus ein 3-5tägiges Spezialprogramm, das sich an einen spezifischeren Kreis wendet (B-Veranstaltung). Adressaten von Portmanns Kursen sind zukünftige Film- und Medienkritikerinnen, Fernsehleute in redaktionellen und gestalterischen Berufen, spätere Filmhochschülerinnen, die die Aufnahmeprüfung vorbereiten, Produzentinnen von audio-visuellen Arbeiten, Medienpädagoginnen, PR-Leute und Zeitungsjournalistinnen, die, so Portmann, „ohne audio-visuelle Ausbildung ihre Zukunft schlecht planen.“ Sein Ziel ist es, aus audio-visuellen Analphabeten quasi Sehende zu machen, indem er „alle Gestaltungsmittel, die die audio-visuellen Medien zur Verfügung haben, erfahren, formulieren und wissenschaftlich ordnen“ lässt. Der wissenschaftliche Anspruch soll vor allem in den Abschlussarbeiten zum Tragen kommen.

Im ersten Semester wird das Bilderlesen, die Sensibilisierung auf bewegte Bilder geübt. Anhand von „Kunstfilmen“, Klassikern und ihrem kommerziellen Umfeld wird versucht, „zu dechiffrieren, was ein Regisseur in den Film hineinchiffriert.“ Im zweiten Semester kommen Ton und Montage zum Bild: Filme gesamthaft lesen und interpretieren. „Nach diesen zwei Kursen sollte jemand imstande sein, Filme adäquat wahrzunehmen und zu analysieren.“ Im dritten Semester wird der Film anhand der Geschichte des Trivialfilms studiert (weil dort die Mechanismen besser sichtbar seien), als ideologisches Phänomen erkannt, als Dokument für die Ideologie einer Epoche. Im vierten Semester stehen die soziokulturelle Funktion von Fernsehunterhaltung und die soziopolitische Funktion von Fernsehinformation zur Debatte. Dazu: Analysen von Filmkritiken und -besprechungen. (Die Übung im Schreiben ist jedem selbst überlassen, die Zeit dazu fehlt.)

Die Themen der B-Veranstaltungen entstehen in Zusammenarbeit mit den Studentinnen: Murer-Gesamtwerk, westafrikanischer Film, Experimentalfilm, Entwicklung des Schweizer Films etc. In den Sommersemestern produzieren die Studentinnen eigene Super-8-Filme oder Videos. Das Material und ein mittlerweile recht gut ausgerüstetes Studio stellt das Institut zur Verfügung. Ziel ist vor allem die praktische Übung, hie und da entstehen auch Filme, die in den Verleih kommen und eingesetzt werden können, wie z.B. ein Dokumentarfilm gegen ein Waffenplatz-Projekt am Schwarzsee.

An der optischen Abteilung sind bis jetzt 23 Abschlussarbeiten entstanden — lediglich eine, Norbert Ledergerbers empirische Untersuchung der Schweizer Filme an den Solothurner Filmtagen, wurde in der Blauen Reihe des Instituts publiziert. Von den restlichen wären einige oder zumindest deren Ergebnisse publizierbar (Analyse der Bürgerfernsehprojekte in Zug, Wil, Solothurn oder „Nicht-Spielfilm = Dokumentarfilm?“). Für solche Bemühungen fehlen aber am Institut Geld und Leute. Die Fribourger Arbeiten sind denn auch kaum diskutiert und relevant fürs schweizerische Filmschaffen, wohl auch, weil sich bei den Abschlussarbeiten am ehesten der Mangel des Studiums zeigt: Die Studierenden absolvieren einen Slalomlauf zwischen der Aneignung von praktischem Handwerk und wissenschaftlichem Anspruch, wobei sie weder das eine noch das andere genügend vertiefen können. Ein Run durch Revolutionsfilm, Neorealismus und Nouvelle Vague, dessen Ergebnisse schön gebündelt im Alter noch als Nachschlagewerk benützt werden können. Dennoch: Ansätze lassen sich ausbauen, und die Praktikerinnen, die aus Fribourg kommen, sind die schlechtesten und unkritischsten nicht. (M.F.)

Roland Cosandey
ist Lehrbeauftragter an der Ecole Politechnique und der Ecole des Beaux Arts in Lausanne und freier Filmpublizist.
(Stand: 2019)
Marianne Fehr
ist Redaktorin der Zürcher Wochen-Zeitung.
(Stand: 2019)
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