MARTIN SCHAUB

OTRO GALLO NOS CANTA (FELIX ZURITA)

SELECTION CINEMA

Felix Zuritas Film über das MECATE (Movimiento de Expresion Campesina Artistica y Teatral) in Nicaragua ist nicht eigentlich ein Dokumentarfilm, wenn man unter diesem Begriff die filmische Abklärung eines noch unbekannten Sachverhalts versteht. Otro gallo nos canta ist eine Präsentation einiger Aktivitäten im Rahmen der Kulturpolitik des sandinistischen Nicaragua. Ein Propagandafilm, wenn man unter diesem Begriff nicht nur negative Vorurteile vereinigt.

Nicht Zurita ist es, der uns zeigt, wie die politische Kulturarbeit funktioniert. Es sind die Musiker, die Sänger, die Theaterleute, die das dem Filmemacher vorführen. Auch, die Interviews mit dem Publikum sind Teil einer Demonstration. Alle Befragten (oder „Befragten“) geben kompetent Bescheid über Sinn und Zweck von Alphabetisierung und Politisierung mit künstlerischen Mitteln.

Der Ansatz ist legitim, und ebenso legitim ist die Unterstützung des Films durch europäische Hilfswerke. Dem fernen Spender wird gezeigt (nachgewiesen), dass mit seinen Beiträgen Sinnvolles geschieht. Das Aufklärungspotential allerdings bleibt bescheiden. Zunächst wird nicht klar, weshalb diese Volkskunst sich so oft an der bewältigten Vergangenheit (Somoza) festmacht. Ebensowenig gibt der Film Aufschluss über die gegenwärtige Bedrohung der sandinistischen Revolution, wenn man nicht bereits die umgehängten Gewehre von Männern und Frauen als Beweis nehmen will.

Die spezifische Information läuft über zufällige Details, vor allem in den beiden ersten Teilen. Im dritten wird ein aktuelles Problem angesprochen (und vorschnell gelöst): das Verhältnis der Geschlechter, die historische Stunde der Frauen, die nicht nur gegen den äusseren und inneren militärischen Feind anzutreten gewillt sind, sondern auch gegen den jahrhundertealten „Machismo“. Doch weil die mise en seine derart evident bleibt, weil also der Film seine Kunstwelt kaum verlässt, wird diese Auseinandersetzung nicht zum Ereignis.

Otro gallo nos canta zeigt in einer Form, die weder Widerspruch kennt noch fordert (in undialektischer Form also), eine kulturelle Kampagne, gegen die niemand etwas wird haben wollen. So gesehen, ist der Film ein Dokument der sandinistischen Bewegung (eines von ihr, nicht über sie).

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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