PETER SCHNEIDER

DAS MÄRCHEN VOM ZIGARRENKÖMG (NORBERT WIEDMER)

SELECTION CINEMA

Norbert Wiedmer erzählt vom Aufstieg des russischen Exilanten Zino Davidoff zum Prinzipal eines Zigarrenimperiums, das seine in Kuba verfertigten Luxusartikel an kaufkräftige Kunden in der ganzen Welt absetzt. Eine Davidoff ist nicht einfach eine Zigarre, und die Biographie ihres Schöpfers kommt jener sagen-haften des Tellerwäschers nahe: Wiedmer nimmt die Mythen vom exklusiven, sensiblen, aristokratischen Genuss und von der Möglichkeit der Verwirklichung des Traums vom Erfolg auf und erzählt Davidoffs Geschichte als unglaubliche, als Märchen. Ein Flüchtling zieht „mit einem Bild von einem grossen Reich der Freiheit im Herzen, einem Reich im Westen“ in die Welt, um sein Glück zu machen. Wiedmer blättert im Familienalbum Davidoffs, rollt die geografischen und historischen Stationen — Lateinamerika, Weltwirtschaftskrise, 2. Weltkrieg — seines Werdegangs auf, um am Schluss in die Management- Etage der Oettinger Import-Zigarren AG aufzusteigen und den Nachfolgern Davidoffs, modernen Verkaufsstrategen, über die Schulter zu schauen, die ohne jene den Begründer auszeichnende innige Beziehung zum Produkt die Edelzigarre, einen Mythos, ökonomisch verwalten. Die Märchenerzählung ironisiert den Lebensbericht des charmanten, in der Selbstdarstellung oft kurligen Unternehmerpioniers der Gründergeneration, verklärt aber auch die im Kommentar angetippten, im Bild andeutungsweise gezeigten ökonomischen und historischen Hintergründe einer solchen Karriere. Das Märchen vom Zigarrenkönig ist kein kritischer Film über den Handel zwischen erster und dritter Welt, über Bedingungen bei der Produktion exklusiver Güter und Arbeitsverhältnisse auf Plantagen, sondern wirkt eher als genügsame, abgeklärte Rückschau eines Mannes, der es geschafft hat, und ähnelt damit atmosphärisch jenen Geschichten, die Grossvater dem Enkel am Kaminfeuer erzählt.

Peter Schneider
1953, Journalist, Theater- und Filmmitarbeit, ehemaliger Mitherausgeber von CINEMA, lebt und arbeitet in Zürich.
(Stand: 2019)
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