MARTIN SCHAUB

NOAH UND DER COWBOY (FELIX TISSI)

SELECTION CINEMA

Bede und Luki, beide von ihren Freundinnen verlassen, klammern sich aneinander wie zwei Ertrinkende. Mit dem Geld, das Bede nun nicht zusammen mit einer Frau in Südamerika auszugeben braucht, machen sie sich auf zu einer kleinen Schweizerreise, die zunehmend märchenhafte Züge annimmt. Rodolphe, ein kauziger Guru, weist die beiden „Verlierertypen“ in eine Welt ein, in der (fast) alles zur Allegorie wird. Am Schluss sehen wir Bede, den häuslicheren des Paars, aufbrechen zu der jungen Frau mit Träumen (sie macht im Garten ein Schiff wieder fahrtauglich), während Luki als Autodidakt Rinderhirt wird.

Eine buddy story im Klein(staat)format, mit „szene“gefärbten Dialogen und einem Fazit, das offenbar den Stand der Herzensangelegenheiten in der Generation der zwanzig- bis dreissigjährigen Männer reflektieren soll.

Der leicht selbstironische Ton bewahrt den Film vor Peinlichkeiten; das ist schon etwas. Als Regisseur wagt Tissi wenig; das sehr kleine Budget mag dazu beigetragen haben. Die Schwarzweissbilder Hansueli Schenkels begleiten die Geschichte, interpretieren sie nicht, geben ihr keine definierte Perspektive. Die Hauptaufmerksamkeit fällt also auf die beiden Darsteller, denen es, aus mangelnder Erfahrung und verweigerter Identifikation, nicht gelingt, das Interesse bis zum Schluss wachzuhalten.

Noah und der Cowboy fügt sich zu unauffällig in ein,,gewisses bernisches Kino“ ein, um wirklich zu überraschen. Mag sein, dass ein mittelstädtisches Klima sich auch hier — wie in E nachtlang Fürland (Legnazzi/Klopfenstein), Giro (Hugo Sigrist) — authentisch mitteilt, aber nicht das war ja bestimmt anvisiert — sonst trüge der Film nicht diesen allegorischen Titel —, sondern eine gewisse Monumentalisierung der aktuellen Verunsicherung und des Desengagements einer Generation, eine Pointierung.

Der hier versuchten eher skeptischen Würdigung muss korrekterweise entgegengehalten werden, dass die vergleichsweise Leichtigkeit dieses Films einer uneingelösten pathetischen Sendungsabsicht, dem präpotenten Didaktismus mancher anderen Filme vorzuziehen ist. Man verbringt anderthalb schmerzfreie Stunden vor der Leinwand, man unterhält sich, geht mit.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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