MARTIN SCHAUB

NUMMERO (RONNY TANNER)

SELECTION CINEMA

Die erste Einstellung von Ronny Tanners einstündigem Dokumentarfilm über einen schweizerischen „Nationalsport“, das Hornussen, löst Erwartungen aus, die der ganze Film dann nicht einlöst. Ein Zuckelseitwärtstravelling entrollt dem Zuschauer die ganze Länge und Breite des Spielfelds: Eine filmische Spielform zeichnet die Geographie eines Orts präzise und überlegt nach.

Die Rede ist nicht nur von der Geschichte und dem Wesen des Spiels, sondern von den Menschen, die es spielen (und zwar gut; die Hornussergesellschaft Kriegstetten gehört zu den erfolgreichen im SVP-Land), von ihren Lebensverhältnissen und ihrem Vereinsleben. Diskret scheint die partriarchalische Kultur auf, noch diskreter die Kräfte, die sie zu stören beginnen. Und wenn hier gesagt wird „diskret“, so darf man ruhig auch „unentschieden“, „lau“, „unverbindlich“ lesen. Die Schutztaktik schweizerischer konservativer Kreise hat bestens funktioniert: Sie besteht darin, einen Fragesteller spüren zu lassen, dass eine gewisse Kategorie von Fragen als Beleidigung aufgefasst werden müsste. Ronny Tanner hat sich die Sympathie der Hornusser nicht verscherzen lassen; und dafür haben sie ihn vielleicht an einer Versammlung teilnehmen lassen, in der die notorische Diskussion über Absenzen, fehlenden „Einsatz“, fehlenden Ernst usf. geführt wird, und zwar in bewährt hemdsärmligen Ton

Vielleicht wäre die Figur des Platzwarts ein Zugang zu weniger blendenden Aufschlüssen gewesen, doch je näher der Autor seinen Hornussern kam, je mehr sie für ihn und seine Arbeit taten, desto versöhnlicher und unkritischer wurde er.

Schließlich ist Nummero eine Art Reportage geworden, die sich gerade noch durch eine gewisse Sorgfalt der Bilderarbeit auszeichnet, jedoch soziologische und/oder ethnographische Aufschlüsse verweigert. Die Hornussergesellschaft Kriegstetten hat Ronny Tanner zum Ehrenmitglied gemacht.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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