MARTIN SCHAUB

78 TOURS (GEORGES SCHWIZGEBEL)

SELECTION CINEMA

Die Zeit einer alten Schallplatte, die Zeit eines kleinen Walzers, die Zeit eines Scopitone, eines (kurzen) Videoclips, die Zeit einer kleinen Musik. Die Umlaufgeschwindigkeit und der Takt eines auf dem Akkordeon gespielten Walzers bestimmen den Rhythmus der Bewegungen, der Schnitte und Verwandlungen im neuesten Film des virtuosesten und „formalistischsten“ Schweizer Trickfilmers, der sich in all seinen Filmen erfolgreich gegen die im Trickfilm grassierende Holzhammerdidaktik (und auch gegen den Holzhammerhumor) gewehrt hat. Schwizgebel interessieren mehr die Perspektive- und Rhythmuswechsel — die Lust also — als die Lektiönchen in sozialem Verhalten, in Umweltschutz oder dergleichen. Für seine „Erzählungen“ bedarf er keiner Katastrophen.

In seinem neuesten Wurf vergisst man beim ersten Anschauen gar die „Erzählung“, und doch ist sie es gerade, die den Film erschliesst. Musik wird gespielt, abgespielt und gehört; der Film wechselt fliegend die Dimensionen (oder Perspektiven) und erschafft sich so innert kürzester Zeit — in der Zeit eines 78er-Scherbens—seine „Welt“.

Einer der wenigen Filme, die weder zu kurz noch zu lang, sondern genau richtig lang sind.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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