MARTIN SCHAUB

FERNFAHRERFILM NR. 346 (CHRISTOF SCHERTENLEIB)

SELECTION CINEMA

Der interessanteste Aspekt von Christof Schertenleibs im Rahmen seiner Regieausbildung an der Filmakademie Wien produziertem Film ist der Versuch, spontane und inszenierte Realität formal auseinanderzuhalten, und zwar mit einem auch Zwischenformen des Dokumentarischen artikulierenden Konzept. Gerade in den Uebergängen allerdings beginnt der Film über die Existenz des Fernfahrers Erhardt Heinrich auch zu „schwimmen“; das Material liess die angestrebte völlige Transparenz nicht zu. Und auch Ueberartikulationen oder Tautologien fehlen nicht: „Wir überfallen Heinrich mit unserer Kamera,“ sagt der Kommentar von einer Sequenz, die das Ueberfallartige selber ausweist.

Fernfahrerfilm Nr. 346 leistet in kurzer Zeit vieles: Rekapituliert die Lebensgeschichte des Porträtierten, skizziert seine Lebensituation, gibt einen kurzen Einblick in die Oekonomie des europäischen Ferntransports, die nur dank illegalen Tricks und Kniffs funktioniert; schliesslich vermittelt der Film auch noch die „romantische Seite“ der Fernfahrerei. Viel — möglicherweise etwas zu viel — für einen Film, der im Detail zum Teil ziemlich achtlos gemacht worden ist. Wegen dieser Achtlosigkeit erscheinen einem plötzlich die Amateur-Super-8-Aufnahmen von Heinrichs Schwägerin als die stärksten Bilder. Auch bei ihnen ist die Perspektive spontan klar: Sie wurden vom Beifahrersitz aus aufgenommen, mit Begeisterung und mit ein bisschen Angst.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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