MARTIN SCHAUB

BÉATRICE (MICHEL RODDE)

SELECTION CINEMA

Béatrice, im Rahmen des Quickfilm-Programmes entstanden, ist ein blitzblankes exercice de style und zugleich — im Schnellgang — eine fundamentale Kritik des filmischen (voyeuristischen) Sehens. Der Ersatzcharakter des Bilds (jedes Bilds) wird am machistischen Paradebeispiel durchexerziert, in atemraubender Geschwindigkeit, die keinen Genuss aufkommen lässt.

Es handelt sich eher um eine Versuchsanordnung — ein Mann, eine Frau, das Begehren des Mannes, die Ersatzbefriedigung mit der Kamera — als um eine „Geschichte“. Mit höchster filmischer Kunstfertigkeit gemacht, ich erinnere mich ungefähr an vierzig Einstellungen in allen denkbaren Techniken, pendelnd zwischen Abbildung und Einbildung, formuliert der Film virtuos und gerade bis zu jenem Punkt demystifizierend, der zwar noch die Schönheit der filmischen Formgebung, aber auch schon die Eitelkeit, die Vergeblichkeit dieser Formgebung ahnen lässt.

Hinter der geschliffenen eleganten und virtuosen Form teilt sich eine ohnmächtige Traurigkeit über den Sachverhalt ganz knapp mit. Die Ohnmacht der Bilder gleicht der oder ist die Ohnmacht des Mannes gegenüber begehrenswerten Frauen. Das heisst: Die Verbindung von Filmen und Lieben ist skizziert. Ein Kommentar- oder Dialogwort würde das Ganze zum Lehrstück machen können, doch der Autor ist verschlossen oder intelligent genug, um seine Sache nicht mit Wörtern zu präzisieren und damit abzuschwächen.

Beatrice ist die verschlüsselte (aber unschwer aufzuschliessende) Reflexion eines Cinéasten, nicht nur über seine Mittel, sondern über seine ganz privaten (unlösbar problematischen) Motive. Die Metaphern des Films sind für einen ganz generellen, ganz sachlichen Film zu präzis: der Goldfisch, die Projektion des Super-8-Bildes der begehrten Frau in die Handfläche, die sich um das Bild — natürlich aussichtslos — zu schliessen versucht. Diese sinnlose magische Geste ist der geometrische Ort dieses Films, der — einziger Einwand — länger sein dürfte als ein „Quickfilm“.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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