MARTIN SCHAUB

NIE WIEDER! — BIS ZUM NÄCHSTEN MAL (GERTRUD PINKUS)

SELECTION CINEMA

Gertrud Pinkus’ Film zum Thema Selbstmord von Jugendlichen verzichtet auf eine kausalisti- sche Beschreibung der Bedingungen, die junge Menschen in den Tod treiben. Sie kommen im Lauf der Auseinandersetzung als Chiffren ins Bild, als Abkürzungen: Schmutziges Wasser im Kanal, eine Wanne mit Zivilisationsabfall, Beton, die Masse in den Strassen, Jugendkonsumgüter von einer mächtigen Stereoanlage über Kleider bis zur Disco-Lightshow usf. Die beiden Figuren sind bereits an der letzten Station, wenn wir sie kennenlernen; sie brauchen nur noch den letzten Zug zu nehmen. Das Mädchen ist eine Schnüfflerin, der Junge malt sich seine Abfahrt mit trotziger Poesie aus. Sie könnten kommunizieren, doch der Kontakt kommt nicht über das Zuspielen von Tonkassetten hinaus; Texte, die den anderen bestätigen.

Zweimal führt Gertrud Pinkus den Jungen und das Mädchen ganz nahe aneinander heran, aber sie dürfen nicht zueinander kommen. Dieses Hintertürchen der Hoffnung will Pinkus nicht öffnen. Den Zorn mässigt sie nicht mit dem berühmten und berüchtigten Silberstreifen am Horizont. Und wenn sie sagt, dies sei ihr Beitrag zum Jahr der Jugend, soll niemand den Sarkasmus missverstehen können.

In ihren Tonbandtexten beschuldigen die Selbstmörder die Elterngeneration, die Welt, die ihnen Übel mitspielt: ihr Platz wäre jener des jungen Konsumenten, der sich nach der Decke strecken und schweigen soll; tun sie es nicht, gibt’s keinen Platz, können sie sich aus der Welt fallen lassen. Gertrud Pinkus formulierte die Texte zusammen mit Silvano Speranza (Züri brännt) sie stilisieren und ästhetisieren Selbstaussagen der radikalsten Verweigerer, die durch ihren Freitod ein Zeichen setzen wollen. Gertrud Pinkus prüft die Anschuldigungen nicht, sie macht sie zu den eigenen. Schwungvoll, ätzend kommen sie daher: „Alles macht Ihr zu vor uns, keine Chance, wir sind die verarschte Generation! Warum habt Ihr uns auf Eure Welt gesetzt? Weil Ihr uns gebraucht habt, für Eure,Selbsterfahrung’,“ schimpft der Junge auf sein Tonband, er als Sohn eines „68er-Ehepaars“ offenbar. Aus dem Off hören wir die Mutter des Mädchens ihren kleinbürgerlichen Stuss jammern.

Es handelt sich bei Nie wieder! — bis zum nächsten Mal nicht um einen kurzen Problemfilm der gängigen Art, sondern um eine zornige Tirade, eine Beschimpfung. Der Hauptschauplatz unter der Betonbrücke am Kanal ist in Winterthur aufgenommen worden. Gertrud Pinkus hätte ihren Film Gaby widmen können.

Die Verwendung von Schlagwörtern und Klischees ist gefährlich, und der „reisserische“ Ton dieses Films wird bei vielen, die sich nicht betroffen fühlen wollen, Distanzierung ermöglichen. Es ist ein leichtes, die Sätze der Tonbandbotschaften, die Musik von André Rüedi, das Bild von Edwin Horak als outriert und demagogisch abzulehnen und zu „erledigen“. Was hier nicht geschehen soll.

Denn Gertrud Pinkus’ Film ist einer der ganz wenigen, der versucht, seine Zuschauer zu schütteln, zu reizen, ihnen eine Stellungnahme abzuzwingen, einer der wenigen, die nicht für irgendetwas Verständnis erschleichen wollen, sondern hinweisen auf einen Skandal — den Jugendselbstmord —, der eine Demaskierung des herrschenden faulen Friedens ist.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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