MARTIN SCHAUB

LE LIVRE DE MARIE (ANNE-MARIE MIÉVILLE)

SELECTION CINEMA

Obwohl Lean-Luc Godard unterstreicht, dass Le Livre de Marie und Je vous salue, Mane im Negativ zusammenmontiert sind, obwohl der zweite Film nicht ohne den ersten aufgeführt werden darf, ist Anne-Marie Mievilles Kurzfilm in keiner Weise eine Art „Vorwort“ zu Godards umstrittenem Opus. Mehr noch: In einer gewissen Weise distanziert er sich von den Godardschen Spekulationen.

Marie ist elfjährig, als sich ihre Eltern trennen. Auf diese Trennung reagiert sie, obwohl die Eltern wechselseitig versuchen, sie zu „verführen“, mit einem Rückzug auf sich selbst, besser, mit einer trotzigen Art, sich selber in die Umwelt einzuschreiben. Sie schlägt zum Schluss — eine etwas demonstrative Chiffre — das Frühstückei mit ritueller Bedeutungsschwere auf.

Den Konflikt der Eltern setzt Mieville mit einer eigenen filmischen Erfindung einleuchtend in Szene. Vater und Mutter erklären sich mit Sätzen, die wie abgelesen tönen; sie kommen aus dem Off, obwohl beide Personen im Bild (und diskutierend) zu sehen sind; an einer bezeichnenden Stelle springt der Ton synchron aufs Bild über. Selten hat man eine so effiziente filmische Chiffre für die Heillosigkeit (und die Unvermeidlichkeit) des Redens gesehen. Marie, zuerst auch in der Sprache fixiert — sie liest und diktiert einer imaginären Schulklasse ein Gedicht aus Baudelaires Les Fleurs du Mal —, löst sich aus dieser; man kann das Regression nennen (tatsächlich nimmt Marie auch wieder Zuflucht zu ihrem Kuscheltier), aber die Abwendung von der Sprache ist auch ein emanzipatorischer Akt. Marie versucht, sich zu tanzen, und sie tut es zu der Mahler-Musik, die der Vater nach seinem Auszug vermisst.

„Das Buch von Marie“ ist eins, das das elfjährige Mädchen vorübergehend einmal fortwirft. So kann sie dem Vater widersprechen und auch der Mutter, die ihre Liebe zum Kind auf aussichtslose Weise zu verbalisieren versucht. „Im Namen Mane steckt das Wort aimer“, sagt sie. Genau vor solchen Balanceakten hütet sich Marie; sie hat schon zuviele erlebt, in der Realität ihres Familienlebens, in Büchern und auf dem Bildschirm (auf dem einmal die grosse Auseinander Setzung zwischen Camille und Paul aus Godards Le Mépris zu sehen ist).

Neben der geistreichen, raffinierten Konstruktion des kleinen Films beeindruckt die exzellente Kameraarbeit von Jean-Bernard Menoud, der genau begriffen hat, dass sein Beitrag zum Stoff auf der „richtigen Seite“ des Konflikts steht, auf der wortlosen.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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