MARTIN SCHAUB

DIE SCHULE DES FLAMENCO (WALTER MARTI, RENI MERTENS)

SELECTION CINEMA

Im Auftrag des Familienprogramms im NDR sind Walter Marti und Reni Mertens nach Andalusien und Madrid gefahren, auf die Spuren einer Volkskunst, für die sie seit langem ein Faible haben (wie für die naive Malerei der Po-Ebene). Volkskunst als Lebenszeichen „unbedeutender Menschen“: über die politischen und sozialen Motivationen dieses Projektes muss nicht lange gerätselt werden.

Die beschränkten Mittel und der Stoff legten eine schlichte Struktur nahe: Die Schule des Flamenco beginnt mit Landschaften, Ansichten Andalusiens im Frühling, Bild an Bild gefügt. Dann erscheint die erste Stufe des Flamenco, die alltägliche: eine Frau vor einem Marienbild, ein alter blinder Bauer, geführt vom ackernden Sohn, dann Leute auf dem Dorf. In der zweiten Sequenz auf dem Sacromonte in Granada (eine einzige Totale zeigt die Stadt mit der Alhambra) ist der Flamenco der Zigeuner „an der Reihe“; die Kamera fasst jeweils den Hauptakteur (-aktrice) ruhig ins immer mobile Bild, in den Uebergängen stehen die Bilder ehemaliger Flamencogrössen, die im Raum hängen. Die Revuedramaturgie wird auch im dritten Teil in der Pena La Plateria in Granada beibehalten, nur werden die Zwischenschnitte wieder etwas reicher: ein nächtlicher Platz mit leuchtendem Kandelaber und immer wieder Himmel, Wolken, das Unendliche. Zum Schluss erscheint Flamenco als reine (reine?) Kunstform, bereits etwas stereotypisiert, in einer Flamenco-Schule in Madrid: junge Frauen, animiert und „im Griff“ von Meister Ciro; unter ihnen zwei Asiatinnen.

Nicht diese „Schule“ allein meint der Titel. Vielmehr die Schule, in die die Filmemacher aus dem Norden von dieser Volkskunst genommen werden. Eine Lehre ziehen sie aus dieser Kunst: im Singen, Aufstampfen und Händeklatschen vernehmen sie die starken Gesten des Lebens und Ueberlebens. „Ich bin da,“ sagt das alles.

Bei der schlichten Struktur fällt die Aufmerksamkeit automatisch auf die Dichte der Bilder und Töne. Rob Gnant hat eine seiner besten Arbeiten geliefert; sanft schwenkt er über das Geschehen, macht sich mit weichen Zoombewegungen am Wesentlichen fest. Der Ton von Andreas Litmanowitsch beweist einmal mehr, dass da ein junger Tonmeister sich nicht mit dem Ueblichen begnügen will. Die digitale Stereotechnik bringt sogar in der TV-Wiedergabe etwas.

Die Kinoversion von Die Schule des Flamenco liegt im Moment, da dieser Text geschrieben wird, noch nicht vor; sie wird etwas länger sein und voraussichtlich am Kommentar — der vom Sender gewünscht wurde und dem Stil des Ganzen etwas zuwiderläuft — sparen.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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