MARTIN SCHAUB

AKROPOLIS NOW (HANS LIECHTI)

SELECTION CINEMA

In seinem ersten Spielfilm begibt sich der Kameramann Imhoofs und Gorettas, Kollers, Lyssys, Schroeders und Godards (Passion) in den Schutz eines modernen Genres, des Road Movie mit kriminalistischem und komischem Einschlag. Walti und Flo, zwei Buddys aus Zürich, wollen auf die Schnelle eine Summe Geld verdienen, indem sie zwei Amerikanerschlitten von Zürich nach Piräus (und Kairo) überführen. Doch die Zufallsbekanntschaft Camille mit ihrem ganzen Clan von Schlitzohren macht den sicheren Schnitt schwierig und zuletzt gar fast völlig ergebnislos.

Der Film kommt etwas mühsam in Schwung, weil Liechti seine komischen Helden zunächst ausserhalb der Haupthandlung zu charakterisieren versucht: Flo (Wolfram Berger), den Schauspieler, Festbruder und eingefleischten Junggesellen, und Walti (Max Rüdlinger), den etwas verklemmten Bürger mit einem Hang zum Abenteuer. Wenn die Beiden — oder die Drei, weil Camille sich ihnen anschliesst — auf der Strasse nach Süden sind, kommt auch der Film in Fahrt.

Ohne Kamerakunststücke und eigentlich ohne viel Atmosphäre rund um die Haupthandlung herum, fährt Akropolis Now südwärts. Mit einem Kniff kommen Spannungsmomente hinzu. Camille (Dominique Laffin) übernimmt einen Wagen und inszeniert eine Art Hase-und-Igel-Rennen; sie, der Igel, ist schon immer da gewesen, wenn die beiden Hasen Walti und Flo eintreffen. Dass Flo in der Tür seines Wagens Schmuggeluhren entdeckt, bringt einige heikle Situationen bei den Grenzübergängen und lässt die — inneren — Spannungen zwischen den beiden ungleichen Freunden aufbrechen.

Liechti hat offenbar das Hauptaugenmerk auf die Entwicklung seiner beiden Helden gerichtet; deshalb schöpft er die Stationen auf der Reise oft nur halb aus, am deutlichsten bei der Begegnung der beiden unfreiwilligen Uhrenschieber in einem jugoslawischen Dorf hart an der Autobahn; da wähnt man sich plötzlich in einem anderen Film.

Für den Filmschluss gilt ähnliches wie für den Anfang. Der Autor bekundet Mühe, aus seiner Erfindung auszusteigen, den Auto-, Uhren- und Gefühlsdeal zu einem ernüchternden Abschluss zu bringen.

Akropolis Now überrascht mit einem leichten handwerklichen Know how und mit einem ebenso leichten, heiteren Konversationston, einem unverbindlichen Humor. Der Film lässt allerdings zu viele Gelegenheiten einer Pointierung des Stoffs aus und setzt sich so einigen Missverständnissen aus; die beiden Helden bleiben trotteliger, als das eigentlich sein müsste, und Dominique Laffin hat zu wenig Gelegenheit gehabt, um sich zu Beginn so aufzubauen, dass sie auf der Dreitausendkilometerfahrt präsent bleibt. Ein kleiner Einfall des Autors, der sich ab und zu als „Herr Schweizer“ selbst ins Spiel bringt, bekommt deshalb zu viel Gewicht. Akropolis Now ist der Unterhaltungsfilm geübter und sicherer Filmhandwerker geblieben; das „Eigentliche“ des Autors Hans Lichti — nennen wir es Beschreibung eines aktuellen Lebensgefühls, einer geläufigen Umgangsform — artikuliert sich nur schwach vernehmlich. Aus Angst, den schönen Lauf seines Films zu stören, hat Liechti auf „Vertiefung“ verzichtet.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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