MARTIN SCHAUB

FRS — DAS KINO DER NATION (CHRISTOPH KÜHN)

SELECTION CINEMA

Erneut setzt sich ein junger Filmmacher mit einem Baumeister des alten Schweizer Films auseinander. Während Richard Dindo in seinem Max Haufler-Film versuchte, all die inneren und äusseren Um- und Widerstände eines Autors zu rekonstruieren, also als der Historiker Häuflers aufzutreten und in einer letzten Wendung des Films dessen Stellvertreter oder Nachfahre zu werden, bleibt Christoph Kühn bei Franz Schnyder der höfliche Besucher, der die Aussagen des Gastgebers kaum an den historischen Gegebenheiten des Werks und erstaunlich wenig mit seinem eigenen kritischen Verstand und Verständnis prüft. Der Porträtierte selbst, der dem Filmteam eine Art verlängerte Audienz gewährt, ist nicht in der Lage, sein Werk selbstkritisch zu prüfen; er wähnt sich noch immer eine Siegerfigur, und er ist zornig über die gewandelten Verhältnisse, die es ihm nicht erlauben, ein lang gehegtes Projekt, einen Pestalozzi-Film, zu realisieren.

Auch Schnyder also hat — wie vor zwei Jahrzehnten Max Häufler — ein zentrales Projekt, das man durchaus analysieren könnte, beziehen auf diese Figur, die heute wie ein Dinosaurier wirkt. Christoph Kühn verzichtet weitgehend darauf und lässt Schnyder stattdessen mit seiner Equipe einige Szenen des Drehbuchs „authentisch“ für seinen Film realisieren. Diese zeigen, was sich Schnyder auch heute noch unter Film vorstellt, aber diese Vorstellungen bleiben unreflektiert.

FRS — das Kmo der Nation ist eine interessante Mischform: Einerseits geht Christoph Kühn wie ein Dokumentarist vor, andererseits setzt er sich als Dokumentaristen in einer Art Spielfilm in Szene. Die Schwäche liegt nicht im Konzept, sondern in der Tatsache, dass der Partner nicht eigentlich mitspielt. Schnyder ist darauf bedacht, die guten Stiche zu machen (auch wenn seine Karten schwach sind), und es gelingt ihm fast immer. Der jüngere Filmmacher setzt sich nie durch auf dem Drehplatz, und er hat auch in der Montage darauf verzichtet, seinen eigenen Standpunkt durchzusetzen. (Vor dem Gastgeber-Herr hat Kühn bis zum Schluss nicht nur Achtung, sondern eine gewisse Angst bewahrt. Der Film musste nicht nur vom mitproduzierenden Fernsehen, sondern auch von Franz Schnyder selbst „abgenommen“ werden.)

Immerhin kann man sagen, dass die Montage — auch die der Filmausschnitte — vieles gerettet hat, und dass FRS — das Kino der Nation durchaus einen Tatbestand gültig formuliert: die Starrköpfigkeit, mit der sich Teile der Aktivdienstgeneration gegen jede Infragestellung der Nachgeborenen zur Wehr setzen. Der Film beweist, dass Franz Schnyder aus der Geschichte gefallen ist, aber er zeigt nicht, wie und warum. Er führt die Fiktion, die einer von sich aufrecht erhält, als Dokument vor.

Erwähnenswert bleibt der Kino-Misserfolg des Unternehmens. Franz Schnyder, der mit seinen Filmen noch heute die höchsten TV-Einschaltquoten erzielt, hat das Publikum nicht zu interessieren vermocht. Er ist wohl auch für seine Liebhaber ein Has been.

Martin Schaub
*1937, gestorben 2003. Martin Schaub absolvierte an der Universität Zürich ein Germanistikstudium, das er mit der Promotion zum Dr. phil. abschloss. Von 1963 bis 1968 war er Lokal- und Auslandsredaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1968 bis 1983 leitete er die Filmberichterstattung beim Tages-Anzeiger. Schaub gehörte zu den Gründern des Tages-Anzeiger-Magazins, für das er jahrelang Beiträge schrieb. Von 1974 bis 1986 Herausgeber des CINEMA.
(Stand: 2019)
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